Was ist geblieben?

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Was ist geblieben?

48 Stolpersteine wurden 2012 und 2013 zur Erinnerung an die jüdischen Bürger in Rhaunen verlegt.

Bereits ab Ende des 19. Jahrhunderts setzte ein Wandel des Landjudentums ein und immer mehr jüdische Familien verließen die engen Strukturen der Hunsrückdörfer, um in die Großstädte oder ins Ausland abzuwandern. Durch die Rassenpolitik der Nationalsozialisten fand die Tradition des Landjudentums ein gewaltsames Ende. Auch wenn nach der Shoah vereinzelt kleine jüdische Gemeinden in Deutschland entstanden, konnte es keine Anknüpfung an das Leben vor 1945 geben.
 
 

Jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz heute

Eine jüdische Gemeinde konnte sich im Rhein-Hunsrück-Raum nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr formieren. Stattdessen konzentriert sich jüdisches Leben heute in städtischen Zentren, wo seit den 1990er Jahren jüdische Kultusgemeinden wieder wachsen. In Rheinland-Pfalz leben etwa 3000 Juden (Stand 2019), die als Mitglied in einer solchen Gemeinde gemeldet sind, während die Zahl derer, die nicht registriert sind, um ein Vielfaches höher geschätzt wird. Lebendige jüdische Gemeinden gibt es in Bad Kreuznach, Koblenz, Mainz, der Rheinpfalz und in Trier. Die egalitäre "Jüdische Gemeinde Neuwied Mittelrhein" ist Mitglied der Union progressiver Juden in Deutschland und nutzt die Landsynagoge in Saffig.
 
 

Synagogen

Von den 223 rheinland-pfälzischen Synagogenbauten wurden während der Reichspogromnacht fast alle zerstört. Auch nach 1945 wurden über 40 Gebäude abgebrochen, da diese baufällig waren oder neuen Bauentwürfen weichen mussten - teilweise auch aus dem Wunsch heraus, sich mit der Synagoge der Vergangenheit zu entledigen. Im Jahre 1988 gab es noch 88 Bauten der früheren Gotteshäuser.
Bei der ehemaligen Synagoge in Laufersweiler handelt es sich um die einzige im gesamten Rhein-Hunsrück-Kreis, die heute noch als solche erkennbar ist und damit an die frühere Bestimmung des Hauses erinnert Die Synagogenhäuser der Gemeinden St. Goar, Hirzenach, Boppard, Oberwesel und Rheinböllen sind erhalten, sie dienen heute jedoch als Werkstätten oder Wohnhäuser.
 
 
Die Slideshow zeigt erhaltene Spuren des Landjudentums in der Rhein-Hunsrück-Region und verschiedene Formen des Umgangs mit der Erinnerung.

Jüdische Friedhöfe

Jüdische Friedhöfe gehören zu den wenigen erhaltenen materiellen Zeugnissen jüdischer Kultur. Im Gegensatz zu Synagogenbauten überstand die Mehrzahl der jüdischen Friedhöfe Krieg und NS-Zeit - oft stark beschädigt, aber nicht vollkommen zerstört. In Rheinland-Pfalz erinnern über 400 urkundlich bekannte jüdische Friedhöfe an die einst reiche Geschichte der Juden im Rheinland. Dazu zählen 12 urkundlich erwähnte Friedhöfe, die sich auf dem Gebiet des heutigen Rhein-Hunsrück-Kreises befinden.
Für Angehörige bleiben sie Orte des Erinnerns und des Trauerns. Sie sind zugleich Denkmale und wichtige Informationsquelle zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland.
Foto: Daniela Tobias
 

Mikwen

In fast jeder jüdischen Gemeinde befand sich einst eine Mikwe, ein rituelles Tauchbad. Sie dient der rituellen Reinigung und wird vor allem von jüdischen Frauen aufgesucht, die durch die Thora dazu aufgefordert sind, nach jeder Menstruation, nach der Geburt eines Kindes und vor der Hochzeit diesen kultischen Akt zu vollziehen. Aber auch Männern wird der Besuch des Tauchbades empfohlen, z.B. vor dem Shabbat, dem Versöhnungstag Jom Kippur, oder immer dann, wenn sie mit dem Tod in Kontakt gekommen sind.
Den religiösen Gesetzen folgend bedarf es „lebendigen“, also fließenden Wassers natürlichen Ursprungs, welches das Tauchbad füllt. Dies kann Quell- oder Grundwasser, oder auch gesammeltes Regenwasser sein. In der Rhein-Hunsrück-Region entstanden wohl überwiegend Kellermikwen, kleine durch Grundwasser gespeiste Becken, die über den Keller eines Wohnhauses zugänglich waren.
Viele dieser Mikwen wurden zerstört oder sind verschüttet und gerieten somit in Vergessenheit. Hin und wieder werden in privaten Wohnhäusern jedoch Kellerschächte entdeckt, die auf rituelle Tauchbäder hinweisen, so wie z.B. in Hottenbach und Oberwesel geschehen. Auch die restaurierte Synagoge in Bruttig, wo dieses Bild entstand, verbirgt eine in den Stein gehauene Mikwe unter dem Grund.

Antisemitismus

Ab 2018 kam es in Rheinland-Pfalz zu einem erneuten Anstieg antisemitisch motivierter Straftaten. Dabei handelt es sich vor allem um Propagandadelikte, Volksverhetzung und Sachbeschädigung. Ein exaktes Abbild des tatsächlichen Geschehens bieten Statistiken jedoch nicht, da viele Delikte gar nicht erst zur Anzeige gebracht werden.
 
Auch der Weg der Erinnerung in Laufersweiler wurde 2019 Zielscheibe antisemitischer Schmierereien: Auf Fotos wurden „Hitlerbärtchen“, SS-Runen und Hakenkreuzsymbole hinterlassen. Der Vorfall ereignete sich kurz vor einem Besuch von Angehörigen von in Laufersweiler geborenen Juden. Eine Anzeige gegen Unbekannt wurde kurz darauf eingestellt.

Erinnerungsorte

Als im November 2017 in Kirchberg die ersten Stolpersteine verlegt wurden, war dies Anlass für den einst in die USA geflüchteten Harry Raymon, seine Geburtsstadt zu besuchen. Er war ganz nah dabei als Gunter Demnig vor seinem einstigen Wohnhaus die Stolpersteine für ihn und seine Familie in das Pflaster einließ.
Auch in Kastellaun, Boppard, Oberwesel, Rhaunen, Dommershausen und Stromberg „stolpern“ Passanten über die Miniatur-Mahnmale, dabei handelt es sich jedoch nicht um die einzige Form der Erinnerung. Seit den 1980er Jahren entstanden die unterschiedlichsten Erinnerungsinitiativen, die die Geschichte der Juden in der Region erforschten, und Erinnerungsorte schafften. In den Dörfern und Städten des Hunsrücks befinden sich heute eine Vielzahl unterschiedlicher Erinnerungsorte, Denkmale, Gedenktafeln oder auch künstlerische Zugänge, um das Bewusstsein für die jüdische Geschichte der Region zu stärken, Reflexionsanlässe zu bieten und die Erinnerung wachzuhalten.
Foto: Werner Dupuis

Bildungsarbeit

In den 1980er Jahren wuchs das Bewusstsein für die jüdische Geschichte und überall bildeten sich Erinnerungsinitiativen und Gedenkstätten, die sich neben der Dokumentation und Forschung auch der pädagogischen Vermittlung widmeten. Letztere wurde umso wichtiger als mit zunehmender zeitlicher Distanz die Anzahl der Menschen wächst, die keine persönlichen Zugänge zur Vergangenheit und der bestehenden Erinnerungskultur finden.
 
Gesellschaftliche Veränderungen schlagen sich auch in der Gedenkstättenpädagogik nieder: Wie z.B. kann Erinnerung in der Migrationsgesellschaft gestaltet werden? Ab 2015 lud der Förderkreis immer wieder Willkommensklassen in die ehemalige Synagoge Laufersweiler ein, um mit ihnen über die deutsch-jüdische Geschichte sowie die Gemeinsamkeiten der abrahamitischen Religionen zu sprechen. Im August 2016 besuchte man gemeinsam mit einer Gruppe Geflüchteter die Gedenkstätte Point Alpha, die Stadt Weimar und die KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Das Bild entstand in Weimar am Goethe-Hafis-Denkmal, das sowohl dem deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe als auch dem persischen Dichter Hafis (14. Jh.) gewidmet ist und die Zusammengehörigkeit von Orient und Okzident symbolisiert.

Jüdische Gemeinden

1959 zählte man in Deutschland 80 jüdische Gemeinden mit etwa 21.500 Mitgliedern. Bis 1990 änderte sich an dieser Zahl kaum etwas. Erst durch den Zuzug der Juden aus der Sowjetunion wuchsen die kleinen, überalterten Gemeinden wieder.
Heute zählen die jüdischen Gemeinden rund um den Hunsrück etwa 450 Mitglieder in Trier, 1000 in Mainz und 850 in Koblenz. Oft betreut ein Rabbiner gleich mehrere Gemeinden.

Restaurierungsarbeiten

Bei der ehemaligen Synagoge in Laufersweiler handelt es sich um die einzige im gesamten Rhein-Hunsrück-Kreis, die heute noch als solche erkennbar ist. 1911 eingeweiht, unterschied sich die im sogenannten maurischen Stil gestaltete Synagoge deutlich von den christlichen Sakralbauten des Ortes. Auch sie fiel der blinden Zerstörungswut der Novemberpogrome 1938 zum Opfer: Der Innenraum wurde völlig verwüstet, das Gebäude hingegen blieb intakt, da man wegen der Nähe zu benachbarten Wohnhäusern von einer Brandstiftung oder Zerstörung absah.
 
Nach mehreren entstellenden Umbaumaßnahmen diente sie in der Nachkriegszeit als Wäscherei, Gefrieranlage, Schulsaal oder Versammlungsraum der Ortsgemeinde. 1985 erfolgte die Unterschutzstellung und in den darauffolgenden Jahren die Restauration, in deren Zuge das äußere Erscheinungsbild bis auf wenige Details wiederhergestellt wurde. Die Synagoge beherbergt heute einen Gedenkraum mit Dauerausstellung über das jüdische Leben der Gemeinde sowie das Forst-Mayer Studien- und Begegnungszentrum.
 
Das Bild aus dem Jahr 1986 zeigt (von links) die Bauleiter Hans und Martin Elz mit dem Ortsbürgermeister Fritz Ochs, der sich maßgeblich für den Erhalt des Gebäudes einsetzte.
Foto: Werner Dupuis
 

Umgenutzte Synagogen

Die ehemalige Synagoge in Boppard zählt zu den wenigen erhaltenen Synagogengebäuden, die jedoch profaniert und heute in ihrem äußeren Erscheinungsbild stark verändert sind. Auch die Synagogenhäuser der Gemeinden St. Goar, Hirzenach, Boppard, Oberwesel und Rheinböllen sind erhalten, sie dienen heute als Werkstätten oder Wohnhäuser.
 
Die Synagoge in Boppard wurde nach der Zerstörung der Novemberpogrome zunächst als privates Wohnhaus genutzt, 1951 durch die jüdische Gemeinde Koblenz verkauft und anschließend als Schreinerei eingerichtet. Bei diesem Umbau wurden ein Turmaufsatz als auch die markanten Rundbogenfenster entfernt, sodass die Synagoge ihr signifikantes Äußeres verlor. In den 1990er Jahren erfolgte die Restaurierung der Synagoge durch Finanzierung aus Eigenmitteln. Eine Wiederherstellung des früheren Erscheinungsbildes war nicht möglich, doch der neue Besitzer legte Wert darauf, durch visuelle Anlehnungen auf die einstige Bestimmung des Gebäudes und seine Geschichte aufmerksam zu machen. Heute wird die ehemalige Synagoge als Wohn- und Geschäftshaus genutzt.
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Antisemitismus

Antisemitische Einstellungen und Handlungen sind auch über 70 Jahre nach Ende des nationalsozialistischen Regimes gesellschaftliche Realität. Bundesweit nahmen antisemitische Vorfälle im Laufe der vergangenen Jahre wieder deutlich zu und auch in Rheinland-Pfalz wurden im Jahr 2019 50 antisemitische Straftaten verzeichnet, das sind ca. 50% mehr als noch im Jahr zuvor. Dazu zählen antisemitisch motivierte Bedrohungen und Beschimpfungen, Sachbeschädigung, Propagandadelikte oder die Schändung jüdischer Friedhöfe. Dabei ist davon auszugehen, dass viele Delikte „unsichtbar“ bleiben, da die meisten Straftaten wohl nicht zur Anzeige gebracht oder antisemitische Vorfälle in Statistiken nicht als solche abgebildet werden.
 
Die Corona-Pandemie hat zu einer weiteren Verschärfung der Situation beigetragen. Verschwörungserzählungen, die sich auf antisemitische Stereotype beziehen, werden vermehrt auf Demonstrationen und im Netz verbreitet. Dabei tritt Antisemitismus nicht mehr nur in rassischer oder religiöser Form auf, sondern nimmt unterschiedliche Erscheinungen an. Judenfeindschaft äußert sich z.B. durch antisemitische Stereotype in einer vermeintlichen Kritik an Israel (Israelbezogener Antisemitismus) oder einer ausgeprägten Erinnerungsabwehr, welche eine Aufarbeitung der Vergangenheit verweigert (Sekundärer Antisemitismus). Judenfeindliche Einstellungen existieren in allen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten.
 
 

Erinnerung und Bildungsarbeit

Über 70 Mitglieder zählt die Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen in Rheinland-Pfalz. Darunter solche, die die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verfolgungsgeschichte in den Fokus stellen, aber auch jene, die sich für die Erinnerung an jüdisches Leben einsetzen.
In den 1980er Jahren wuchs das Bewusstsein für die jüdische Geschichte. Es wurde damit begonnen zu forschen, zu sichern, zu bewahren und Akte des Erinnerns und Gedenkens zu initiieren. In Boppard, Rhaunen, Dommershausen (Burg Waldeck), Kastellaun, Kirchberg und Oberwesel wurden in den letzten Jahren über 100 Stolpersteine verlegt.
Die Erinnerung an jüdisches Leben in Deutschland, die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus sowie die entschiedene Positionierung gegen Antisemitismus bleiben wichtige Aufgaben und Herausforderunen für die deutsche Gesellschaft. Gedenken und Erinnern basieren auf Wissen und so kommt der Erarbeitung pädagogischer Konzepte zur historisch-politischen Bildung dabei eine Schlüsselstellung zu.
 
 
Von September 2019 bis Mai 2021 gestaltete der Förderkreis der ehemaligen Synagoge Laufersweiler das Begegnungsprojekt "Was geht mich das an?!", um mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterschiedlicher Herkunft und Konfession über die Bedeutung der deutsch-jüdischen Vergangenheit ebenso wie über aktuelle Fragen des Zusammenlebens zu diskutieren. Gefördert wurde das Vorhaben durch das Programm LandKULTUR des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Im Rahmen eines Videoworkshops gaben christliche, jüdische und muslimische Jugendliche sehr persönliche Einblicke in ihren religiösen Alltag, ihre Überzeugungen und Erfahrungen im Umgang mit Vorurteilen.