Veranstaltungen

24. November 2020: Was ist Antisemitismus? - Ein Definitionsversuch
 
18. Simmerner Stadtgespräch
19:00 Uhr im Pro-Winzkino Simmern
Vortrag und Diskussion
Die Veranstaltung, vorgesehen am 24. März, fiel aus und wird nun in diesem Rahmen nachgeholt.
 
Antisemitische Übergriffe und eine Furcht vor dem Erstarken antisemitischer Tendenzen in der Gesellschaft sind dauerhafte Gesprächsthemen. Aber wie genau lässt sich der Begriff "Antisemitismus" definieren? Das Spektrum von Aussagen wie "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!" bis hin zum Vorwurf einer "Antisemitismus-Keule" ist gewaltig, die Sensibilität groß. Das 18. Simmerner Stadtgespräch greift das Thema "Antisemitismus" im Rahmen der Reihe "Erwachet aus dem langen Schlafe..." und der gleichnamigen Ausstellung des Simmerner Hunsrück Museums zum jüdischen Leben auf dem Lande - Juden im Hunsrück auf.
 
Unter der Überschrift "Was ist Antisemitismus?" befasst sich Dr. Meron Mendel in seinem Vortrag beim 18. Simmerner Stadtgespräch mit einer näheren Beleuchtung des Begriffes. Der in Ramat Gan (Israel) geborene Mendel ist Historiker sowie Erziehungswissenschaftler und seit 2010 Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Mendel positioniert sich immer wieder streitbar in der Öffentlichkeit. So war er unter anderem an Protestaktionen gegen rechte Verlage zur Frankfurter Buchmesse beteiligt und setzt sich stark für eine verbesserte Bildungsarbeit ein, um Antisemitismus unter Jugendlichen entgegenzuwirken. Mendel wuchs im Kibbutz Mashabeh Sade auf, mit dem der evangelische Kirchenkreis Simmern-Trarbach einen jahrelangen Jugendaustausch pflegte.
Nach dem Vortrag besteht Gelegenheit zur Diskussion unter der Moderation von Chefredakteur Volker Boch (Rhein-Hunsrück-Zeitung).
 
Der Eintritt ist frei. Spenden sind willkommen.  
Kooperationspartner: Förderkreis Synagoge Laufersweiler, Stadt Simmern, Pro-Winzkino Simmern, Hunsrück-Museum Simmern, Buchhandlung Schatzinsel Simmern, Rhein-Hunsrück-Zeitung
 
 
 
 
18. Oktober 2020: "Meet a Jew!"
 
Gespräch mit "Meet a Jew" - Begegnungsprojekt des Zentralrats der Juden in Deutschland
13:00 Uhr in der Emir Sultan Moschee in Simmern
 
„Miteinander statt übereinander reden!“ lautet das Motto von Meet A Jew, einer Initiative des Zentralrates der Juden, die Begegnungen zwischen Juden und Nicht-Juden vermittelt. Die Mehrheit der Deutschen haben in ihrem Alltag keinerlei Berührungspunkte mit jüdischem Leben - eine Situation, die das Fortbestehen vorgefertigter Bilder und Stereotype begünstigt. Meet a Jew sucht das direkte Gespräch und gibt persönliche Einblicke: Wie lebt es sich als Jude heute in Deutschland?
 
Gemeinsam haben der Förderkreis Synagoge Laufersweiler und die türkisch-islamische Gemeinde Simmern zwei Vertreter der Initiative für ein Gespräch gewinnen können. Am 18. Oktober um 13 Uhr wird die Begegnung in der Emir Sultan Moschee in Simmern stattfinden, zu der alle Interessenten herzlich eingeladen sind.
 
Die Begegnung ist Teil des Projektes „Was geht mich das an?“, welches der Förderkreis Synagoge Laufersweiler koordiniert und durch das Bundesprogramm Ländliche Entwicklung (BULE) unterstützt wird. Ziel des Vorhabens ist es, den interreligiösen Austausch und die Teilhabe an Erinnerungskultur in der Rhein-Hunsrück-Region zu stärken.
 
Um an der Veranstaltung teilzunehmen, ist unter den gegebenen Umständen eine Anmeldung erforderlich.
Melden Sie sich unter: synagoge-laufersweiler@yahoo.de
oder bei Christof Pies: cpies@rz-online.de, Tel: 06762/5269
 
 
 
 
 
Ausgefallene Veranstaltungen
Leider mussten die folgenden Veranstaltungen, die in den Monaten März und April geplant waren, aufgrund der Bestimmungen zur Eindämmung von Covid-19 abgesagt werden. Wir beabsichtigen diese, sofern möglich,  im weiteren Verlauf des Jahres nachzuholen.
 
 
14. März 2020: Beethoven in der
Synagoge Laufersweiler
 
Pariser Geigenprofessor musiziert mit jungen
Streichern der Villa Musica
17:00 Uhr in der ehemaligen Synagoge Laufersweiler
 
Heinz Galitsky
Ein Konzert zum Beethovenjahr können Musikfreunde am Samstag, 14. März um 17 Uhr in der ehemaligen Synagoge Laufersweiler erleben. Der Pariser Geigenprofessor Boris Garlitsky spielt mit jungen Streichern der Villa Musica Beethovens Quartett F-Dur op. 14 Nr. 1. Das jugendlich heitere Stück aus Beethovens frühen Wiener Jahren beruht auf seiner Klaviersonate op. 14 Nr. 1, die er selbst für Streichquartett arrangiert hat. Vor der Pause zeigen die jungen Virtuosen aus der Förderung der Landesstiftung Villa Musica ihr Können im Zusammenspiel mit Boris Garlitsky. Der junge Geiger Nathan Tishin, vielfach preisgekrönt bei internationalen Wettbewerben, spielt mit seinem Professor die Sonate für zwei Violinen von Sergej Prokofjew. In den „Landscapes“ des jüdischen Komponisten Ernest Bloch kommt die Cellistin Ariana Kashefi hinzu. Mit einem weiteren Villa-Stipendiaten an der Bratsche spielen die vier Musiker die wundervollen, romantischen Stücke für Streichquartett op. 81 von Felix Mendelssohn. Boris Garlistky leitet souverän von der ersten Geige aus. Der langjährige Konzertmeister des „London Philharmonic Orchestra“ hat als Professor in Paris, Hamburg und Essen schon eine ganze Generation junger Geiger ausgebildet. Er zählt zu den feinsten und genausten Kammermusikern der Welt.
 
Tickets zu 16 € gibt es bei der Tourist Information Kirchberg (Tel.: 06763/910144, touristik@kirchberg-hunsrueck.de) und bei Villa Musica in Mainz (Tel.: 06131 / 9251800, www.villamusica.de).
 
 
 
 
22. März 2020: "Regentropfen"
 
Filmaufführung in Anwesenheit des Ressigeurs Harry Raymon
11:00 Uhr im Pro-Winzkino Simmern
 
Harry Raymon wird 1928 als Harry Heymann in Kirchberg geboren. Seine Familie besitzt dort ein Textilgeschäft. Als die Nationalsozialisten die Macht ergreifen und Repressalien gegen jüdische Bürger auch in der kleinen Stadt im Hunsrück zunehmen, entscheidet sich die Familie zur Emigration in die USA. Was folgt, ist ein bewegtes Leben: Zum Dienst bei der US-Army eingezogen, wird Harry als Soldat zur Befragung Kriegsgefangener nach Deutschland gesandt. Seine Familie ist entsetzt, als er sich für eine dauerhafte Rückkehr nach Deutschland entscheidet. Seine Theater- und Gesangsausbildung führen ihn nach Paris, Stuttgart, später nach Berlin. Mit seinem Pantomimentheater „Die Gaukler“ bereist er ganz Europa, als Schauspieler ist er in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen.
1981 führt ihn sein Beruf zurück in den Hunsrück. Zum ersten Mal übernimmt Raymon selbst Regie: In dem autobiografischen Film „Regentropfen“ erzählt er aus der Sicht des 10-jährigen Bennie von seiner Kindheit in Kirchberg bis zur erzwungenen Auswanderung der Familie. Er zeigt Originalorte, greift auch den Hunsrücker Dialekt auf und versucht damit ein authentisches Bild von dem Schicksal eines deutschen Juden während der NS-Zeit zu zeichnen.
 
Wiederholt kehrte Harry Raymon, der heute in München lebt, nach Kirchberg zurück. Anlass für seinen letzten Besuch war die erste Stolpersteinverlegung in Kirchberg 2018, als auch vor dem Haus der Familie Heymann ein Zeichen der Erinnerung gesetzt wurde.
 
Harry Raymon wird zur Filmvorführung anwesend sein und im Anschluss zum Gespräch bereitstehen.
 
Der Eintritt ist frei, Spenden zu Gunsten des Förderkreises Synagoge Laufersweiler e.V. sind willkommen.
Es handelt sich um eine Kooperation zwischen dem Pro-Winzkino Simmern und dem Förderkreis Synagoge Laufersweiler e.V. im Rahmen der Ausstellung „Erwachet aus dem langen Schlafe“ im Hunsrück-Museum Simmern.
 
 
 
 
 
19. April 2020: „Bevor das Vergessen beginnt –
das Beispiel KZ-Außenlager Cochem-Bruttig-Treis“
 
Vortrag – Lesung – Diskussion mit Ernst Heimes (Autor des gleichnamigen Buches)
11:15 Uhr im Schloss Simmern
 
Im März 1944 trafen 300 NN-Häftlinge des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof in Cochem ein und wurden vor den Augen der Bevölkerung in langen Kolonnen nach Bruttig getrieben. Ihre Ankunft markiert den Beginn des KZ-Außenlagers Bruttig-Treis. Ein ungenutzter Eisenbahntunnel, der die beiden Orte miteinander verband, sollte durch Zwangsarbeit in eine unterirdische, bombensichere Fabrik zur Konstruktion kriegswichtigen Flugzeugzubehörs umgebaut werden. Bis zur Auflösung im September 1944 wurden über 2000 Häftlinge in das Lager gebracht, wo sie Misshandlungen und sadistischer Schikane durch das Lagerpersonal ausgesetzt waren. Aufzeichnungen sprechen von 94 Häftlingen, die das Lager nicht lebend verließen, während bereits in einem Urteil von 1947 von einer weitaus größeren Zahl ausgegangen wird.
 
Das Gedenken an das Lager und seine Opfer gestaltete sich lange sehr zögerlich. In der 1992 von Ernst Heimes verfassten Dokumentation „Ich habe immer nur den Zaun gesehen“ arbeitete er erstmals die Geschichte des Lagers und das dort geschehene Unrecht auf.
 
Anlässlich der Finissage der Ausstellung „Erwachet aus dem langen Schlafe – Jüdisches Leben im Hunsrück“ am 19. April 2020 wird Ernst Heimes aus seinem 2019 erschienenen Buch „Bevor das Vergessen beginnt“ vortragen. Darin knüpft er an sein erstes Werk an, wertet bisher unbekanntes Material aus und stellt Begegnungen mit Opfern, Tätern und Beobachtern in den Mittelpunkt. Dabei widmet er sich auch dem Umgang mit familiärer Täterschaft und der Frage, wie dieses Lager fast vollkommen dem Vergessen überlassen werden konnte. Im Anschluss wird der Autor zum Gespräch bereitstehen.
 
Eintritt: 2€
 
 
 
 
 
Rückblick: Vergangene Veranstaltungen und Presseartikel aus 2020, 2019 und 2018
 
 
1. Februar 2020: Die Dichterinnen und Dichter des Lyrikpfades Laufersweiler
 
Lesung mit Musik
19:00 Uhr im Schloss Simmern
 
In der ehemaligen Synagoge Laufersweiler (von links): Karl-Gerhard Halstein, Maria Halstein, Maria Finnemann, Inge Kölle und Margit Kuhnle. Foto:

In der ehemaligen Synagoge Laufersweiler (von links): Karl-Gerhard Halstein, Maria Jekeli-Halstein, Maria Finnemann, Inge Kölle, Margit Kuhnle. Foto: Gunda Hoyler

Bei Spaziergängen in Laufersweiler begegnen uns jüdische Dichterinnen und Dichter. In ihren Werken klingen die  unterschiedlichsten Lebenswege an - geprägt von Antisemitismus und Verfolgung, aber ebenso sehr von Lebensmut, Widerstand und großer Kreativität.
 
Fünf dieser Dichterinnen und Dichter war bereits im November 2018 eine Veranstaltung in der ehemaligen Synagoge Laufersweiler gewidmet (siehe unten). In Folge der großen, positiven Resonanz wird die Revue nun im Rahmen der Ausstellung "Erwachet aus dem langen Schlafe... Jüdisches Leben auf dem Lande - Juden im Hunsrück" im Hunsrück-Museum in Simmern ein weiteres Mal zu sehen sein. Am 1. Februar besteht die Möglichkeit, diese sehr bewegende, facettenreiche Lesung mit Musik, diesmal in den Räumlichkeiten des Schlosses in Simmern, zu erleben.
 
In besinnlicher Atmosphäre mit Tee und Gebäck werden Gedichte und Texte von Heinrich Heine, Marianne Dora Rein, Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko und Erich Fried vorgetragen. Die verbindenden musikalischen Beiträge bieten Raum, den Worten nachzuspüren.
 
Vortragende: Maria Finnemann, Inge Kölle, Margit Kuhnle
Maria Jekeli-Halstein (Cello), Karl-Gerhard Halstein (Klavier)
 
 
 
 
23. Januar 2020: "Saufen für den Führer!" - Simmern und seine Weinpatenschaften im Dritten Reich
 
Vortrag von Dr. Christof Krieger
19:00 Uhr im Schloss Simmern
 
Nie zuvor - und auch nie danach(!) - hat es in Deutschland eine gewaltigere Absatzaktion für die heimischen Winzer gegeben: Unter der eingängigen Parole „Wein ist Volksgetränk!“ entfaltete das NS-Regime in den Friedensjahren des Dritten Reiches eine groß angelegte Weinpropaganda, die das Trinken deutschen Rebensaftes als geradezu nationale Tat beschwor. Und mehr noch: Von 1935 bis 1937 übernahmen annähernd 1.000 Städte vom Rheinland bis nach Ostpreußen besondere „Weinpatenschaften“ für einzelne Winzerorte, wobei im Rahmen eines im ganzen Reich stattfindenden „Festes der deutschen Traube und des Weines“ vom Parteiapparat der NSDAP allerorten volkstümliche Weinfeste und Umzüge organisiert worden waren. Der Volksmund machte hieraus sogleich in die Parole „Saufen für den Führer!“
 
Bei diesem parteiamtlichen Konsumspektakel ging auch die Hunsrückmetropole Simmern keineswegs leer aus, der gleich mehrere Mosel-und Naheorte als "Patenkinder" zugeteilt worden waren...
 
 
„Simmern und seine Weinpatenschaften im Dritten Reich“, so lautet folgerichtig das Thema eines Vortrages, in dem der Traben-Trarbacher Museumsleiter Dr. Christof Krieger an dieses ungewöhnliche Kapitel der NS-Herrschaft erinnern möchte. Der Historiker, der sich in seiner -zwischenzeitlich auch als Buch erschienenen -Doktorarbeit an der Universität Trier mit dernationalsozialistischen Weinpropaganda beschäftigte, gibt anhand zumeist unveröffentlichter Quellen überraschende Einblicke in ein weithin unbekanntes Kapitel der Simmerner Lokalgeschichte.

 

 

5. Januar 2020: "Jüdisches Leben auf dem Lande" – Das Beispiel Gemünden
 
Vortrag von Dr. Stephanie Schlesier (Berlin, BStU)
17:00 Uhr im Schloss Simmern  
 
In Ergänzung zur laufenden Sonderausstellung im Hunsrück-Museum Simmern stellt Dr. Stephanie Schlesier am 5. Januar 2020 ihre Ergebnisse einer umfangreichen Studie über jüdisches Leben auf dem Lande im 19. Jh. vor. Die aus der Region stammende Historikerin hat sich schon während ihres Studiums in Trier und Karlstad (Schweden) intensiv mit dem Landjudentum beschäftigt. Als eine der wenigen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hat sie systematisch die Quellen in vier verschiedenen Sprachen aus unterschiedlichen Archiven ausgewertet und dabei völlig neue Erkenntnisse über das ländliche Judentum gewinnen können.
 
Das rheinpreußische Gemünden bildet einen Schwerpunkt in ihrer 2014 erschienenen 600 Seiten umfassenden Analyse „Bürger zweiter Klasse? Juden auf dem Land in Lothringen, Preußen und Luxemburg“. Das Tauziehen um Gleichstellung der Religionen in dem kleinen Ort steht stellvertretend für den Kampf um Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung im 19. Jh. Stephanie Schlesier hat die innerjüdischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen jüdischen Lebens im Kontext dreier Religionsgemeinschaften erforscht und so einen wichtigen Beitrag zur Sozialgeschichte geleistet. Erst die Kenntnis dieser Vorgeschichte erklärt die besonderen Verhältnisse in Gemünden in der Zeit des Nationalsozialismus, deren Nachwirkungen bis heute erkennbar sind.
 
Dr. Schlesier arbeitet heute als Sachbearbeiterin beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR („Stasi-Behörde“).

 

 

3. November 2019: Ausstellungseröffnung "Erwachet aus dem langen Schlafe..."

Von Werner Dupuis, aus der Rhein-Hunsrück-Zeitung vom 5. November 2019

Museum zeigt jüdisches Leben auf dem Land

Nachfahren Hunsrücker Juden kommen aus Israel zur Vernissage nach Simmern

Simmern. Mit dem in der Nazizeit untergegangenen jüdischen Leben auf dem Lande und den Juden im Hunsrück beschäftigt sich die neue Ausstellung im Hunsrück-Museum in Simmern. Auf große Resonanz beim Publikum stieß das Thema. Nie zuvor waren so viele Besucher zu einer Eröffnung an einem Sonntagmittag ins Simmerner Schloss gekommen.
„Erwachet aus dem langen Schlafe" lautet ein Untertitel der von Christof Pies und Fritz Schellack gemeinsam kuratierten Schau. Der Kirchberger Lehrer Moses Eppstein schrieb diesen Satz 1867 in einer jüdischen Zeitung. Er bezog sich dabei auf das Ergebnis der damaligen Kommunalwahl, als der Kaufmann Heymann in den Kirchberger Stadtrat gewählt wurde und dieser Rat der jüdischen Gemeinde anschließend einen Zuschuss für ihre Synagoge gewährte. Der Verfasser glaubte fest an eine völlige Emanzipation der jüdischen Bevölkerung in der deutschen Gesellschaft und im „abgeschlossenen" Hunsrück. Die Geschichte ist dann jedoch völlig anders verlaufen. Das Landjudentum existiert heute nicht mehr. Auch im Hunsrück ist diese Kultur in der Nazizeit vernichtet worden. Jüdische Gemeinden gibt es - häufig verdeckt - nur in den umliegenden Städten.
 
Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld zwischen Religion und Staat, zwischen der kleinen jüdischen Gemeinde und der Zivilgemeinde, zwischen liberalen Tendenzen und konservativen oder orthodoxen Bewegungen innerhalb des deutschen Judentums. Viele Exponate stammen aus dem Fundus des Fördervereins Synagoge Laufersweiler. Allerdings können sie nur einen sehr begrenzten Ausschnitt der deutsch-jüdischen Kultur und des täglichen Lebens wiedergeben. Im Vorfeld der Ausstellung sei immer wieder deutlich geworden, was während der NS-Zeit und in den Tagen der Reichspogromnacht verbrannt, gestohlen oder für alle Zeit vernichtet wurde, erläuterte Pies beim Rundgang. Leihgaben kamen unter anderem aus Niederzissen, eine Thorarolle stammt aus Zell und ein viele Jahre verschollen geglaubter Chanukkaleuchter aus Kirchberg. Eine Dampfmaschine des aus dem Hunsrück stammenden und heute in Haifa lebenden 98-jährigen Yochanan Tenzer symbolisiert das Leben jüdischer Kinder. Viele Fotos und Dokumente steuerten rund um den Globus verteilt lebende Nachfahren Hunsrücker Juden bei, die sich vor der Vernichtung im Holocaust durch frühzeitige Ausreise oder Flucht entziehen konnten.
Dem Leben mit dem Trauma des Holocaust ist ein eigener Raum gewidmet. Wie die Ereignisse des Dritten Reichs ganze Generationen geprägt haben, ist an Zitaten ablesbar, die von Nachkommen Hunsrücker Juden aus aller Welt stammen. Einmalig und höchst beeindruckend ist die virtuelle Rekonstruktion der Simmerner Synagoge, einem repräsentativen Bau, der bis zu seiner Zerstörung direkt am Schlossplatz stand. Von Doris Wesner, Expertin regionaler jüdischer Vergangenheit und Beauftragte der Stadt Simmern für lokale jüdische Geschichte, stammen Informationen dazu, die der Kastellauner Grafiker Thomas Schneider in einer optischen Rekonstruktion in Szene gesetzt hat. Eine Hörstation enthält Interviews mit Zeitzeugen.
 
In einem Vortrag zur Vernissage beschäftigte sich Professor Stephan Laux von der Uni Trier mit dem Landjudentum. Zum Teil viel zu lange Grußworte kamen von der SPD-Landtagsabgeordneten Bettina Brück, dem Antisemitismusbeauftragten des Landes, Dieter Burgard, und von Stadtbürgermeister Andreas Nikolay. Alle würdigten das Engagement des Hunsrück-Museums und der Ausstellungsmacher. Gerade in einer Zeit, in der nationale Bewegungen in Deutschland und seinen europäischen Nachbarn erstarken, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in der Gesellschaft wieder hoffähig und Synagogen attackiert würden, sei solch eine Ausstellung, die jüdische Kultur als Teil gemeinsamer Vergangenheit ins öffentliche Bewusstsein rückt, wichtiger denn je. Zu dieser aktuellen Situation passte auch ein Polizeifahrzeug, das während der Eröffnung der Ausstellung präventiv auf dem Schlossplatz stand. Die Ausstellung ist noch bis 19. April 2020 zu sehen.

 

 

 

15. Januar 2019: "Back to the Fatherland"

Von Gisela Wagner, aus der Rhein-Hunsrück-Zeitung vom 18. Januar 2019

Filmabend rückt Opfer und Täter in den Blick

Pro-Winzkino zeigt „Back to the Fatherland" - Begegnung der Gegensätze

  Von links: Klaus Endres (Pro- 
  Winzkino Simmern), Kat Rohrer 
  (Wien, Co-Regisseurin, Yael
  Levanon (Tochter von Hans
  Yochanan Tenzer, in Laufersweiler
  1922 geboren), Christof Pies
  (Vorsitzender Förderkreis Synagoge
  Laufersweiler), Gil Levanon (Co-
  Regisseurin, Berlin und Wien,
  Enkelin von Yochanan Tenzer)
 
 
 
 
 
 
 
Simmern/Laufersweiler. Im Simmerner Pro-Winzkino stand der Dokumentarfilm „Back to the Fatherland" von Kat Rohrer und Gil Levanon auf dem Programm. Seit November 2018 wird der Film in ausgewählten Kinos in Städten wie Berlin, Leipzig, Dresden, Nürnberg, München, Köln und Hamburg sowie in außereuropäischen Ländern gezeigt. Doch gerade zum Hunsrück hat er einen ganz besonderen Bezug. Dabei ist allein die Konstellation der beiden Regisseurinnen schon außergewöhnlich genug.
Gil ist eine junge Israelin, deren Großvater Yochanan Tenzer, ehemals Hans Tenzer, einst aus Deutschland, genauer gesagt aus Laufersweiler, vertrieben wurde. Co-Regisseurin Kat ist Österreicherin und außerdem Enkelin eines Recherchen zum Film wird ihr das durch den Speicherfund einer Uniform ihres Großvaters erstmals so richtig bewusst. Sie ist erleichtert, dass es wenigstens keine SS-Uniform ist.
 
Eine Brücke zur Gegenwart
Diese Konstellation der Regisseurinnen steht für ein anscheinend explosives Aufeinandertreffen der Enkel von Tätern und Opfern, denen es jedoch gelingt, gemeinsam ein einmaliges, einfühlsames Werk zu schaffen. Es zeigt die Wunden der Vergangenheit auf, schlägt aber auch die Brücke zur Gegenwart. 
Im Simmerner Kino begrüßte der Vorsitzende des Förderkreises Synagoge Laufersweiler, Christof Pies, nicht nur die Regisseurinnen und die Gäste, die zur Filmvorführung gekommen waren, sondern auch die Tochter von Hans Tenzer, Yael Levanon, die in Israel lebt, zurzeit aber in Berlin ist. Gil und Kat waren einige Wochen zuvor in Laufersweiler, denn Gil wollte sehen, wo ihr Großvater im Hunsrück aufgewachsen ist. In Laufersweiler entstand dann auch die Idee, den Film im Pro-Winzkino zu zeigen. In diesem Zusammenhang bedankte sich Pies bei den Kinoleuten für die unkomplizierte Zusammenarbeit.
Zwischenzeitlich besuchte Pies Familie Tenzer in Israel und traf dort neben 100 anderen Menschen, die ihre Wurzeln im Hunsrück haben, auch Yochanan Tenzer. Obwohl der 98-Jährige mittlerweile an Demenz erkrankt ist, erkannte er all die Menschen aus seiner Kindheit und Jugendzeit wieder, die auf alten Fotos aus Laufersweiler abgebildet waren, erzählte Pies.
Schon Yochanan Tenzers Mutter Klara stammte aus Laufersweiler, sie wurde 1894 dort geboren, die Familie hatte direkt neben der Synagoge ein Textilgeschäft.
 
Flucht vor Repressalien
Auch an die vielen Diskriminierungen und tätlichen Angriffe konnte sich Yochanan Tenzer erinnern, erzählte Pies. Letztendlich führten diese Peinigungen dazu, dass die Eltern ihn und seinen Bruder Mirtel in Sicherheit brachten. Yochanan. der damals noch Hans hieß, verließ seine Heimat Richtung Palästina und kam dort in einem Kibbuz unter. Über das Schicksal seiner Eltern Klara und Moses Abraham ist wenig bekannt. Moses Abraham wurde am 28. Oktober 1938 im Zuge der „Polen-Aktion" vor den Novemberpogromen verhaftet und über die Grenze nach Polen deportiert. Von da verliert sich seine Spur. Klara wurde 1941 an einem unbekannten Ort ermordet. Beide wurden zum 8 Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation, für tot erklärt.
Der Film macht deutlich, wie sich die dritte Generation, die lange nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Holocaust geboren wurde und daher viel offener mit dem Thema umgehen kann, mit der Vergangenheit ihrer Großeltern beschäftigt. Yael erzählt, dass ihr Vater seiner Enkelin das erzählt hat, was sie gerne gewusst hätte, sie selbst sich aber nie zu frage gewagt habe. Auch aus dem Publikum wurden diese Erfahrungen geteilt. Werner Busch erzählt etwa, dass er seinen Vater nicht beschämen wollte und deshalb nie gefragt habe. Es wird deutlich, dass alle, sowohl auf der Täter- als auch auf der Opferseite, eine Last mit sich herumtragen, für die sie nichts können, die den nachfolgenden Generationen einfach weitergegeben wurde. 
Gerade deshalb ist es so wichtig, dass die Geschichte aufgearbeitet wird. Leider, so machte dieser Filmabend aber auch deutlich, weigern sich bis heute immer noch Gemeinden, sich mit ihrer Nazivergangenheit auseinanderzusetzen.
Ein weiterer Aspekt der Dokumentation ist, dass junge Menschen aus Israel ihre Heimat verlassen und genau in die Länder ziehen, in denen ihre Familien vor wenigen Jahrzehnten verfolgt und getötet wurden, was oftmals nicht die Zustimmung der Holocaust-Überlebenden findet. 
„Back to the Fatherland" ist ein Film, der zum Nachdenken anregt, der eine ganz andere Perspektive beleuchtet. Er zeigt eindrucksvoll, wie wichtig es gerade heute ist, aufzuklären. Denn vieles liegt noch immer im Dunkeln. 
 
 
 
 
 

25. November 2018: Musikalische Lesung 

Von Gisela Wagner, aus der Rhein-Hunsrück-Zeitung vom 29. November 2018

Jüdischen Lyrikern eine Stimme gegeben

Lesung mit Musik in der Synagoge Laufersweiler erinnert an das Wirken
von fünf Dichtern 

Laufersweiler. Im Rahmen der 18. Jüdischen Wochen fand in der Synagoge Laufersweiler eine Lesung mit Musik, die sich mit den Dichterinnen und Dichtern des Lyrikpfades beschäftigte, statt. Im Studienraum des Forst-Maver-Begegnungszentrums im oberen Stockwerk, eingerahmt von Hunderten Büchern und bei stimmungsvollem Kerzen- und Kronleuchterlicht, wurde den Lebenswegen von fünf jüdischen Dichtern einfühlsam nachgespürt.
Carolin Manns vom Förderkreis der Synagoge Laufersweiler begrüßte die vielen Gäste, die bei Ankunft mit original syrischen Gebäckspezialitäten und dampfendem Tee aus dem Samowar liebevoll versorgt wurden. Die Besucher konnten erst mal ankommen, Platz nehmen und sich dann dem Hörgenuss hingeben. Es war ein später Wohlfühlnachmittag an einem grauen Novembertag — abschalten und genießen war das Gebot der Stunde. 
Manns machte die Besucher mit der mittlerweile 2000 Bücher aus der ganzen Welt umfassenden Bibliothek vertraut. Nicht nur wissenschaftliche Fachliteratur sei hier zu finden, sondern auch eine biografische und künstlerische Auseinandersetzung mit der deutsch-jüdischen Vergangenheit. Die Rednerin schilderte die Entstehung des Lyrikpfades zum 100-jährigen Bestehen der Synagoge im Jahr 2011. Damals waren Kinder und Jugendliche aufgerufen, sich mit den Werken jüdischer Lyriker auseinanderzusetzen, die Eindrücke danach visuell in Bildern zu verarbeiten. Daraus entstand dann der Lyrikpfad.
Fünf von den zehn Dichtern, denen man auf dem Lyrikpfad begegnet, hatten sich Maria Finnemann, Inge Kölle und Margit Kuhnle ausgewählt, um deren Lebensweg nachzuspüren. Allen gemeinsam ist ein Lehen. das von biografischen Brüchen und rastlosen Episoden gezeichnet wurde. Alle wuchsen in jüdischen Familien in Deutschland auf und waren früher oder später antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt.
 
 
Als Besonderheit der Lesung unterstrich Carolin Manns, dass im Land der Dichter und Denker der „Kanon der Lyrik und Literatur“ lange Zeit von Männern beherrscht wurde, dies sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass Frauen der Zugang zu Bildung erschwert war und das Schreiben bis ins 19. Jahrhundert nicht zum herrschenden Frauenbild passte. Die drei Dichterinnen des Lyrikpfades Else Lasker-Schüler, Mascha Kaleko und Dora Rein hätten jedoch das Schreiben als Ausdrucksmedium für sich beansprucht und seien auch von ihren Kollegen und der Öffentlichkeit geschätzt worden, Die Lesung, die bis in Detail gestaltet war, begann mit Fragmenten aus Briefen und Prosa.
 
Die Protagonistinnen gaben den Lyrikern ihre Stimmen - zunächst lag im Verborgenen, wer da gerade spricht, welcher Lyriker gerade rezitiert wurde. Von Beginn an war die Musik, die von Maria Jekeli-Halstein am Cello und Karl-Gerhard Halstein am Klavier intoniert wurde, verbindendes Element. Neben passenden freien Improvisationen wurden Stücke von Johann -Sebastian Bach, Felix Mendelsson Bartholdy, Giovanni Battista Pergolesi, Franz Schubert, Wolfgang Amadeus Mozart und Jean-Philippe Rameau dargeboten, was sich alles zu einer Einheit zusammenfügte. 
Einfühlsam ergänzte die Musik die gesprochenen Passagen - Lesung und Musik machten die Zerrissenheit, den Widerstand aber auch die große Kreativität und den unstillbaren Lebensmut der Lyriker deutlich. Präzise und sorgfältig, empfindsam und mit echter Herzenswärme vorgetragen, wurden die Gedichte, begleitet von der Musik, rezitiert.
 
Maria Dora Rein kam mit „Kindheit" und „November" zu Wort, Erich Fried mit „Blütenträume" und „Erstickübung", Else Lasker-Schüler mit „Mein Tanzlied" und „Weltschmerz", Mascha Kaleko mit „Die frühen Jahre", „Einmal sollte man" und Heine mit „Wettlauf" und einem „Prolog aus der Harzreise“ zu Wort, um nur einige zu nennen.
Der Zugang zum Schreiben wurde im dritten Programmteil deutlich gemacht und darüber hinaus die Lebenswege der Lyriker nachgezeichnet, mit Hilfe einer Karte auch visuell. Die exzellente musikalische Lesung, die mit viel Feingefühl vorgetragen wurde, war eine überzeugende Inszenierung, ein Gesamtkunstwerk im passenden Rahmen, das nicht nur den Zuhörern viel Freude bereitete sondern sichtlich auch den Protagonisten selbst 
 
Das Zusammenspiel von Musik und Lesung war in gemeinsamen Proben interaktiv entwickelt worden, so war ein wunderbarer Dialog entstanden. Das Publikum bedankte sich mit begeistertem Applaus für den Nachmittag. Die Eintrittsspenden kommen komplett der Erhaltung der Tafeln des Lyrik-Pfades zugute.
 
 
 

 

2. September 2018: "Storytelling" - Europäischer Tag der Jüdischen Kultur

Synagoge Laufersweiler, Kirchgasse 6, 55487 Laufersweiler

Der Europäische Tag der Jüdischen Kultur wurde vor 19 Jahren in Frankreich ins Leben gerufen und findet seitdem an jedem ersten Sonntag im September statt. Das Interesse an der Initiative wächst, sodass im vergangenen Jahr Organisationen aus über 30 europäischen Ländern teilnahmen. Auch Deutschland ist seit einigen Jahren Teil des Aktionstages, der die unterschiedlichsten Angebote bereithält, die von Führungen, über Ausstellungen und Lesungen bis hin zu Konzerten reichen. Verbunden sind alle durch ein gemeinsames Anliegen: Während das Judentum in den Medien fast ausschließlich in Zusammenhang mit Antisemitismus in Erscheinung tritt, bleiben Einblicke in die Kultur und den religiösen Alltag eher selten.

Die Initiative, die sowohl von jüdischen als auch nicht-jüdischen Einrichtungen unterstützt wird, bietet hingegen die Möglichkeit, das europäische Judentum mit seinen Traditionen und Bräuchen in Vergangenheit und Gegenwart besser kennenzulernen. Um jeweils unterschiedliche Perspektiven zu gewähren, ist jeder Tag der Jüdischen Kultur mit einem anderen Motto versehen. In diesem Jahr wird der Tag unter dem Thema „Storytelling“ stattfinden. Mündliche Erzählungen bildeten von jeher eine wichtige Komponente für den Bestand und die Entwicklung des Judentums in der Diaspora: Biblische Überlieferungen, Familienerinnerungen,  Migrationsgeschichten. Durch Erinnernde Erzählungen wird ein sehr persönlicher Zugang zu einem privaten Judentum ermöglicht.

„Zusammen haben wir dann immer Streifzüge durch die Natur unternommen. Und es gab auch eine Badeanstalt. Und wir Kinder sind oft zum Waldbeeren- oder Heidelbeerenpflücken gegangen. Meine Familie betrieb eine Matzenbäckerei. Vor dem Pascha-Fest hatten wir immer einen Rabbi als Mitbewohner in unserem Haus, und dann mussten wir – zusätzlich zu allen anderen Regeln – auch noch sämtliche jüdischen Vorschriften beachten“ erzählt Heinz Joseph aus Laufersweiler aus seinen Kindheitserinnerungen. Die Geschichte des jungen Heinz ist nur eine von vielen Erzählungen, der Besucher am Europäischen Tag der jüdischen Kultur in der ehemaligen Synagoge Laufersweiler auf die Spur gehen können.

Zum ersten Mal wird in diesem Jahr auch Laufersweiler Teil der europaweit vernetzten Veranstaltung sein.  Die ehemalige Synagoge ist eine der wenigen erhaltenen Synagogenbauten der Region, die auch heute als solche erkennbar ist und als Lern- und Erinnerungsort genutzt wird. Neben den jüdischen Friedhöfen ist diese eine der seltenen Zeugnisse des Landjudentums der Hunsrückregion und verweist auf die lange jüdische Tradition entlang des Rheines. Bereits seit 1700 siedelten sich vereinzelte Familien auf dem Land an und integrierten sich in das dörfliche soziale und wirtschaftliche Leben. Von diesem Leben erzählen zahlreiche Geschichten, die in den vergangenen Jahrzehnten erforscht wurden und heute in der Synagoge in Laufersweiler zugänglich sind.

Mit dem diesjährigen Thema „Storytelling“ kann daher nahtlos an bisherige Bemühungen angeknüpft werden, biografische Erzählungen und Erinnerungen in den Fokus der Erinnerungsarbeit zu rücken. Mit Hilfe von gesammelten Geschichten und Gegenständen gelingt es, einen Blick auf jüdisches Leben im Hunsrück zu werfen, das mit der Zerstörung durch den Nationalsozialismus für immer verschwunden ist. Dazu gehören das Schulzeugnis von Heinz Joseph oder ein Seesack der US-Army, mit dem Richard Hirsch nach der Befreiung der Konzentrationslager in seine Heimatstadt Kastellaun zurückkehrt. In dem Gedicht „Ä Kind steht am Zaun“ reflektiert Paula Petry den Ausschluss ihrer besten Freundin Ilse Goldberg aus dem öffentlichen Leben.

Am 2. September wird die ehemalige Synagoge in Laufersweiler von 10 bis 18 Uhr geöffnet sein und für alle interessierten Besucher ein facettenreiches Programm bereithalten. Um 14 und 16 Uhr gewährt eine musikalische Lesung mit ausgewählten Geschichten Einblicke in die jüdische Kultur und persönliche Schicksale. Darüber hinaus kann der Gedenkort mit seinen Spuren und Lebensberichten, die als kleine Begegnungsstationen aufbereitet sind, selbstständig erkundet werden.

Jüdisch-christliche Belegschaft der Matzenbäckerei Joseph (1929)

Jüdisch-christliche Belegschaft der Matzenbäckerei Joseph in der Kirchgasse Laufersweiler (1929)

 

 

 

16. März 2018, 19:00 Uhr: Musik in der Synagoge

Von Werner Dupius, aus der Rhein-Hunsrück-Zeitung vom 21. März 2018

Junge Musiker begeistern Publikum

Anspruchsvolles Konzert der Villa Musica in ehemaliger Synagoge von Laufersweiler

Laufersweiler. Ein Geheimtipp für Kenner und Genießer sind die alljährlich einmal stattfindenden Konzerte der Villa Musica in der ehemaligen Synagoge in Laufersweiler. Die Karten sind begehrt und lange im Voraus ausverkauft. Ein außergewöhnliches Ereignis war jetzt das Gastspiel von Charlotte Chahuneau, Violine, und Shira Majoni, Viola.
Die beiden Stipendiaten der Villa Musica aus Frankreich und Israel spielten Duos für Violine und Viola, Sie begannen mit einer Bach-Bearbeitung. Acht der berühmten zweistimmigen Inventionen, ursprünglich für Cembalo geschrieben, verknüpften sie mit einigen Duos von Béla Bartók. Viele Melodien und Tanzweisen aus seiner Heimat hat der ungarische Komponist darin verarbeitet und ein großartiges musikalisches Kunstwerk geschaffen. Diese spannungsvollen Suiten aus Barock und klassischer Moderne hatten ihren besonderen Reiz.
Eine Erholung fürs Publikum und wie für den intimen Raum des ehemaligen jüdischen Gotteshauses geschaffen war die anschließende Sonate G-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart.
 
 
Vor der Nazidiktatur geflohen
Zu den europäischen Komponisten, die vor der Nazidiktatur fliehen mussten, gehört der Tscheche Bohuslav Martinu. Seine Flucht gleicht einem Abenteuer: Aus Paris floh er im Juni 1940 zunächst nach Südfrankreich, wo er auf Bahnhöfen übernachtete, dann nach Lissabon, wo seine Emigration lange am seidenen Faden hing. Im März 1941 gelang ihm schließlich doch der Weg in die rettende USA. Erste Station war New York. Auf die Kriegsjahre folgte eine Zeit von Resignation, denn das kommunistische Regime in Tschechien vereitelte seine schon geplante Rückkehr nach Prag. In dieser Situation entstanden die „Drei Madrigale für Violine und Viola". Sie gelten — nach Mozarts Duos KV 423 - als Meisterwerke dieser Gattung. Durch Akkordspiel, Tremoli und andere Klangeffekte erreichen die beiden Instrumente die Klangfülle eines Streichquartetts.
Mit Franz Schuberts „Erlkönig“ endete das offizielle Programm. Diese bekannte Ballade, ursprünglich für Singstimme und Klavierbegleitung komponiert, wurde vielfach umgeschrieben und für andere Instrumente nutzbar gemacht Eine sehr gelungene Transkription des Arrangeurs C. G. Wolff erklang in der Synagoge. Seit 2016 haben Charlotte Chahuneau und Shila Majoni ein Stipendiat bei der Villa Musica.
Charlotte Chahuneau, Jahrgang 1991, geboren in Paris, begann im Kindesalter mit dem Spiel auf der Violine. Zurzeit studiert sie in Berlin. Chahuneau ist unter anderem Mitglied im West-Eastern Divan Orchestra von Daniel Barenboim.
 
Studium bei Barenboim
Shira Majoni, geboren 1989 und aufgewachsen in Israel, erhielt ihren ersten Violinunterricht am Jerusalem Music Centre. Derzeit befindet sie sich im Diplom-Studiengang bei Barenboim in Berlin. Genauso wie Charlotte Chahuneau ist sie Preisträgerin verschiedener namhafter Wettbewerbe und gehört ebenfalls zum Ensemble des West-Eastern Divan Orchestra von Daniel Barenboim. Mit lang anhaltendem Beifall bedankte sich das Publikum in Laufersweiler bei den Künstlerinnen für ein grandioses Konzert.

 

 

28. Januar 2018, 16:00 Uhr: "Jedes Wort hab ich vergoldet …“ – Das faszinierende Leben der Else Lasker-Schüler

Ein Gedenkvortrag von Dr. Petra Urban zum zentralen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

Synagoge Laufersweiler, Kirchgasse 6, 55487 Laufersweiler

Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Dr. Petra Urban am 28.Januar 2018, um 16.00 Uhr, in der Synagoge in Laufersweiler, Kirchgasse 6, an das faszinierende Leben der Else Lasker-Schüler. Die Dichterin mit dem „blau blühenden Herzen“, die als Jüdin aus Deutschland fliehen muss, hat ihr Schicksal der Vertreibung und der Fremdheit im eigenen Land eindringlich formuliert. Aber auch für das Glück und vor allem für die Liebe, die in ihrem abenteuerlichen Leben nicht immer glücklich war, findet sie beschwörende Worte.

Petra Urban lässt Gedichte und Biografisches zu einer klangvollen Einheit, einem buntgewebten Textteppich, verschmelzen. So verleiht sie der Dichterin Leben, lässt das Publikum an Ängsten und Einsamkeit, an Vertreibung und Hoffnungslosigkeit, aber auch an leidenschaftlicher Liebe und Sehnsucht teilhaben.