Kindheit und Jugend

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Kindheit und Jugend

In ihrer Schulkleidung radelt eine Gruppe jüdischer Jungs durch Laufersweiler.

„Es gab keinen Unterschied zwischen Juden und Christen.“  Hilde Forst (1908-2002), Kastellaun
 
In ihren schriftlichen und mündlichen Erinnerungen erzählen viele jüdische Menschen von einer unbeschwerten Kindheit mit nicht-jüdischen Freunden und Freundinnen, von gemeinsamen sportlichen und anderen Freizeitaktivitäten. Hilde Forst aus Kastellaun hat Nähkurse bei katholischen Ordensschwestern und gegenseitige Besuche an hohen Feiertagen in besonderer Erinnerung. Echte Freundschaften haben jedoch nur selten die NS-Zeit (1933-1945) überdauert: „Da standen wir uns gegenüber, eigentlich fremde Menschen“, schreibt Hans Shimon Forst (1917-2011) über ein Klassentreffen Simmerner Gymnasiasten nach 60 Jahren im Jahre 1994.
 
 

Im Klassenzimmer

In der Schule mussten jüdische Kinder und Jugendliche ebenso wie christliche Schülerinnen und Schüler bisweilen unter der „Rohrstockpädagogik“ ihrer Lehrer leiden. Da war es gleich, ob sie eine eigene private jüdische oder die überkonfessionelle Schule besuchten. In der Regel war es eine evangelische. Da sich die kleinen jüdischen Gemeinden keinen eigenen Lehrer oder gar einen Rabbiner "leisten" konnten, kamen "Wanderlehrer" einmal in der Woche in die Dörfer und unterrichteten die Kinder in Hebräisch und in jüdischer Religion. So kam Arie Gabel aus Boppard nach Kastellaun oder Heymann Unikower aus Simmern bis nach Laufersweiler.
 
Die Auseinandersetzung mit dem Talmud und der gelehrten Literatur sind wichtiger Teil der religiösen Praxis, ein ausgeprägtes Bildungsbewusstsein kennzeichnet daher die jüdische Kultur. Auch unter den Landjuden war der Wille, ihren Kindern eine gute Ausbildung und damit den sozialen Aufstieg zu ermöglichen, sehr groß. Da die Chancen dazu auf dem Land jedoch eher gering waren, verließen viele  Söhne ihre Familien im Jugendalter, um in den Städten eine handwerkliche oder kaufmännische Lehre aufzunehmen oder gar ein Gymnasium zu besuchen.
 
 

Sohn des Gebotes

Auf dem Weg zum Erwachsenwerden durchlaufen (männliche) Juden verschiedene Passageriten, die den Übergang zu einem neuen religiösen Status markieren: Acht Tage nach der Geburt eines Jungen erfolgt die Brit Mila, die Beschneidung, die symbolisch für den Bund mit Gott steht. Im Alter von 13 Jahren erlangen sie religiöse Mündigkeit. Sie werden zum "Bar Mitzwa", zum „Sohn des Gebotes“, und übernehmen damit alle religiösen Rechte und Pflichten eines vollwertigen Mitgliedes der jüdischen Gemeinschaft. Das Fest wird feierlich in der Synagoge begangen und der Bar Mitzwa zum ersten Male aufgefordert, den Wochenabschnitt aus der Tora zu lesen und den Segen über die Heilige Schrift zu sprechen.
Die Beschneidung, die Bar Mitzwa, und schließlich die Hochzeit waren und sind die entscheidenden religiösen Stationen im Leben eines Gläubigen. Sie werden ihnen schon auf dem Beschneidungswimpel aufgezeichnet, der beim Tode mit ins Grab gelegt wird.
 
 
Die Slideshow zeigt eine Zusammenstellung von Objekten und Fotografien aus der Kinder- und Judendzeit von Jüdinnen und Juden.
 

Bar Mitzwa-Feier

In seinem besten Anzug präsentierte sich Mirtel Tenzer (oben, Mitte) aus Laufersweiler für dieses Foto. Gemeinsam mit Freunden und Familie feierte er hier seine Bar Mitzwa.
 
1930 wurde Mirtel 13 Jahre alt. Er wurde folglich zum Bar Mitzwa, zum „Sohn des Gebotes“, und übernahm damit alle religiösen Rechte und Pflichten eines vollwertigen Mitgliedes der jüdischen Gemeinschaft. Etwa ein Jahr lang bereitete sich der junge Mirtel auf die Aufnahme im Religionsunterricht vor und lernte auch Hebräisch. Am Schabbat, der auf seinen 13. Geburtstag folgte, wurde dieses Fest gemeinsam in der Synagoge begangen.

Dampfmaschine

Wenn Günther Kölzer in Laufersweiler seine Großeltern besuchte, dann spielte er gerne mit dieser Dampfmaschine. Diese hatte den Nachbarsjungen Mirtel und Yochanan Tenzer gehört, die 1938 nach Palästina auswanderten und das beliebte Spielzeug zurückließen. Ihr Vater Moses Abraham Tenzer war in Polen geboren und wurde Ende Oktober 1938 gewaltsam aus dem Deutschen Reich abgeschoben. Auch die Mutter Klara musste bis zum Kriegsbeginn im September 1939 Deutschland verlassen und löste den Besitz der Familie auf. Die Dampfmaschine gab sie den Nachbarn zur Verwahrung.
Die Dampfmaschine befindet sich in Privatbesitz.

Schwimmbad in Laufersweiler

Im Sommer 1928 wurde im Idarbachtal in Laufersweiler ein Schwimmbad errichtet, das allerlei Badegäste und Sportvereine anlockte. Das Foto (um 1935) zeigt eine Gruppe Kinder, die sich im Bad vergnügen - abgebildet sind ausschließlich jüdische Kinder, denen wenige Jahre später auch der Schwimmbadbesuch verboten wird.  
Heinz Joseph aus Laufersweiler berichtete, dass mit dem zunehmend stärker spürbaren Antisemitismus die jüdischen Kinder häufiger unter sich blieben und sich eine kleine zionistische Jugendgruppe formierte, die gemeinsam die Natur erkundete, sich zum Beerenpflücken traf oder auch die örtliche Badeanstalt besuchte.

Zeugnisse jüdischer Schüler

Die kleinen, mehrseitigen Zeugnishefte mit blauem Einband aus Pappe enthalten Zeugnisse jüdischer Schüler aus Kastellaun und Laufersweiler aus den Jahren 1931 bis 1938.
 
In einigen Gemeinden, wie z.B. in Laufersweiler, Gemünden oder Kirchberg, gab es zeitweise eigene jüdische Schulen. Ab 1900 begannen die Schülerzahlen jedoch zu sinken und die jüdischen Kinder besuchten entweder die katholische oder evangelische Schule. Unabhängig davon fand ein Religionsunterricht in der Synagoge statt.
 
Ab 1938 wurden die jüdischen Schüler vom Unterricht ausgeschlossen.
 
Die Zeugnisse befinden sich in der Sammlung der ehemaligen Synagoge Laufersweiler.

Evangelische Schule in Laufersweiler 1928

Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts fand der Unterricht jüdischer Schüler in Laufersweiler ausschließlich in Privathäusern statt, bis um 1826 allmählich Schulräume im Synagogengebäude eingerichtet wurden. Obwohl die jüdische Gemeinde eine eigene öffentliche Schule anstrebte, bestand immer nur eine vom Ministerium gebilligte Privatschule. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde diese geschlossen und die jüdischen Kinder besuchten fortan die evangelische Schule.
 
Das Foto aus dem Jahre 1928 zeigt die Schüler der evangelischen Schule mit Lehrer Peter Gumm. Darunter befinden sich folgende jüdische Schülerinnen und Schüler: Alex Baum, Marcel Baum, Heinz Hanau, Ruth Joseph, Ruth Hanau, Heinz Joseph, Hans Tenzer und Paul Mayer. Außer Ruth Joseph haben alle Kinder den Holocaust überlebt.

"Erinnerungen an meine Schulzeit"

Für den Schulfotografen posierten Paul und Rolf Mayer 1935, als beide noch die evangelische Schule in Laufersweiler besuchten.
 
Ab 1933 waren die jüdischen Kinder in der evangelischen Schule heftiger Diskriminierung und Demütigung ausgesetzt. In einem Brief von 2002 schilderte Paul Mayer einige seiner Erinnerungen an die Schulzeit in Laufersweiler: „Aber es gab noch einen Lehrer. Der hat unsere Schwester nackend auf den Tisch gestellt und alle Kinder mussten vorbeigehen, um zu sehen, dass Juden keine Menschen sind.“ Ab 1938 wurden die jüdischen Schüler vom Unterricht ausgeschlossen.
 
Nach der Reichspogromnacht, der Inhaftierung des Vaters Sally im KZ Sachsenhausen und anschließender Entlassung verließ die Familie Hals über Kopf am 28.2.1939 den Hunsrück und wanderte mit HIlfe von Bernhard Mayer (Schweiz) nach Palästina aus. Die beiden Brüder wurden fortan bei ihren hebräischen Namen genannt: Pinchas und Shimon Mayer. Die Nachkommen begehen bis heute diese Flucht als familiären Feiertag.

Poesiealbum mit Eintrag von Ruth Seligmann

Dieses Poesiealbum führte Johanna Schug aus Kastellaun als junges Schulmädchen. Auf den Seiten sind Eintragungen ihrer Freundinnen aus Kastellaun zu finden. Darunter auch die Worte ihrer jüdischen Mitschülerin Ruth Seligmann: "Lerne Leiden ohne zu klagen. / Diese wenigen Zeilen beherzige / Deine Mitschülerin Ruth Seligmann / Castellaun den 8.3.1933"
 
Ruth Seligmann wurde 1920 in Kastellaun geboren. Ihr gelang die Ausreise mit einem vom Internationalen Roten Kreuz organisierten Kindertransport nach England.
 
2019 übergab Familie Kramb aus Kastellaun das Album dem Förderkreis Synagoge Laufersweiler e.V.
 

Ä Kind steht am Zaun

Das Gemälde gibt eine Szene auf einem Schulhof wieder. Es ist ein Geschenk der Künstlerin Margot Seibert, bei dem sie inspiriert wurde von dem Gedicht „Ä Kind steht am Zaun“. Darin verarbeitet die Dichterin Paula Petry in Hunsrücker Mundart die Erinnerungen an den Schulausschluss ihrer Freundin Ilse Goldberg.
 
Ilse Goldberg wurde 1925 in Hennweiler geboren. Sie überlebte den zweiten Weltkrieg versteckt im Untergrund in Frankreich und emigrierte im Frühjahr 1947 in die USA.
 
2016 schenkte die Künstlerin das Bild dem Förderkreis Synagoge Laufersweiler.

Beschneidungswimpel

Der Beschneidungswimpel ist ein langes Tuch, bestickt oder bemalt mit reichen Verzierungen, die Szenen aus dem Leben eines jüdischen Mannes von der Beschneidung, über die Bar Mizwa und Hochzeit bis zum Tod zeigen. Der Segensspruch „Er möge heranwachsen zur Tora, zum Trauhimmel und zu guten Werken.“ drückt die erwünschten Lebensziele aus.
 
Im Alter von drei Jahren, bei dem ersten Besuch des Kindes in der Synagoge, wird der Wimpel an die Gemeinde übergeben – ein symbolischer Akt für das „Sich-binden“ an die Tora und die jüdische Gemeinde. Verwendet wird das Tuch als Wickelband für die Tora und kommt immer dann zum Einsatz, wenn wichtige Stationen im Leben des jungen Mannes gemeinsam gefeiert werden.
 
Die Beschneidungswimpel aus dem 18. Jh. befinden sich in der Sammlung der Synagoge Niederzissen.

Mohelbuch

In diesem Gebetbuch trug ein Mohel (Beschneider) die von ihm vorgenommenen Beschneidungen (Brit Mila) ein. Das Heft umfasst 34 handschriftliche Einträge, die in der Zeit zwischen 1795 und 1809 verzeichnet wurden. Jeder Eintrag enthält das Datum der Beschneidung, den Namen des neugeborenen Kindes, sowie die Namen des Vaters und des Paten.
Ein Beispiel aus dem Jahre 1803: „Am Jom Kippur des Jahres 564 wurde beschnitten der Sohn des ehrenwerten Herr Wolf Euskirchen, sein Name sei Jokev (Jakob), und der Vater war Sandak (Beschneidungspate).
 
Das Mohelbuch wurde 2011 aus der Genisa der Synagoge Niederzissen geborgen. Siehe auch: https://www.ehem-synagoge-niederzissen.de/schaudepot/03-mohelbuch/
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Unter dem Hakenkreuz

"Wir waren eine ganz schlechte Gesellschaft gewesen, haben alle möglichen Sachen gemacht. Wir waren zwei Judenjungen und fünf Christen. Da war kein Unterschied zwischen uns. Nach dem 30.01.1933 ist Hitler Kanzler geworden. Ich kam in die Schule. Meine besten Freunde haben gesagt 'Jude, geh' nach Palästina, hier hast du nichts zu suchen.' Ich war 10 Jahre alt. Ich habe nicht gewusst, was wollen sie von mir mit Palästina? Dass ich ein Jude war, war ganz klar. Ich habe nie versucht, das zu verleugnen, aber warum soll ich nach Palästina gehen?"   Rolf (Shimon) Mayer (1925-2010), Laufersweiler
 
Viele Eltern versuchten schon in den 1920er Jahren ihre Kinder vor dem aufziehenden rassischen Antisemitismus zu schützen. Dies galt umso mehr in den 1930er Jahren. Es ging beispielsweise soweit, dass die Mutter von Harry Heymann (geb. 1926, später Raymon) ihm die abstehenden Ohren anklebte, damit er nicht dem Vorurteil des „urtypischen“ Juden entsprach. Doch die Kinder und Jugendlichen spürten zunehmend, dass sich etwas veränderte.
 
Für alle sind die Demütigungen und der Rausschmiss aus der Schule das einschneidende Ereignis: „Das beliebte Lernen wurde mir gründlich verleidet“ (Hans Shimon Forst). In einem Fall demonstrierte ein Laufersweiler Lehrer an der nackten Marga Mayer vor der Schulklasse die Rassenmerkmale einer Jüdin.
 

Paula Petry: Ä Kind steht am Zaun (Aus: Iwert Dorf enaus)

Die Mundartdichterin Paula Petry aus Hennweiler erinnert sich an den Schulausschluss ihrer guten Freundin Ilse Goldberg. Als Kind versteht sie nicht, warum sie nicht mehr miteinander spielen dürfen.

Gelesen von Gisela Wagner, Laufersweiler