Der Geschichte näher kommen: Ein Fotoworkshop gegen das Vergessen

„Wenn deine Bilder nicht gut sind, dann warst du nicht nah genug dran.“ Es war die Maxime des Fotojournalisten Robert Capa und ist auch Allon Zaslankys Motto, wenn er Foto-Workshops mit Jugendlichen gestaltet. Seit 15 Jahren widmet der Fotokünstler aus Israel sein Know-How der Erinnerungsarbeit. Dabei gibt er nicht nur sein technisches Wissen um die Entwicklung eines guten Bildes weiter, sondern versucht über die Fotografie auch inhaltliche Zugänge zu gesellschaftlichen Themen und Diskussionen zu schaffen.
 

Schülerin fotografiert eine MenoraZwei Personen gebeugt über ein Smartphone
Fotos: Mit der Makrolinse erkunden Schülerinnen und Schüler Gegenstände aus der Sammlung der ehemaligen Synagoge Laufersweiler; von: Allon Zaslansky, Christof Pies. 

 

Neue Perspektiven eröffnen
In der letzten Januarwoche besuchte Zaslansky den Hunsrück, um sein Konzept zum ersten Mal auch in Deutschland vorzustellen. Anlass dafür bot der internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar. Mit Schülerinnen und Schülern der IGS Kastellaun und des Herzog-Johann-Gymnasiums nahm er die deutsch-jüdische Vergangenheit der Hunsrück-Region in den Fokus. Zaslansky war einer Einladung des Förderkreises der Synagoge Laufersweiler gefolgt. Immer wieder neue Perspektiven auf die Vergangenheit zu schaffen, das hat sich der Förderkreis in den letzten Jahren zur Aufgabe gemacht. Denn die Erfahrungen mit Besuchergruppen zeigen, dass jede Generation eigene Erzählformen und Zugänge verlangt. Die Idee des Fotokünstlers, über die Fotografie eine Verbindung zur Vergangenheit herzustellen, schien solche neuen Wege zu eröffnen.
 

In Berlin
2008 reiste Allon Zaslansky zum ersten Mal nach Deutschland, nach Berlin. Bewusst hatte er damals beschlossen, es solle keine Reise in die Vergangenheit sein. Jede empfohlene Tour, jedes Denkmal, jede Ausstellung mit Holocaust-Bezug wollte er auslassen und stattdessen die ganz normale Gegenwart erkunden. „Ein naiver Gedanke“, bemerkt Zaslansky rückblickend, denn in Deutschland angekommen, wurde ein unruhiges und beklemmendes Gefühl zu seinem Begleiter. Und doch war es genau diese Reise, die Zaslansky zu seinem Projekt inspirierte: Mit der Kamera begann er Eindrücke und Gedanken einzufangen. Das vertraute Medium gab ihm das Selbstbewusstsein, seine Umgebung offen zu erkunden, Verbindungen zu knüpfen und vertraute Bilder in Frage zu stellen – eine Erfahrung, die er an andere weitergeben möchte.
 

Auf Spurensuche mit dem Smartphone
Das Projekt findet Anklang: „Durch die kreativen Aspekte wird einem die Vergangenheit viel bewusster als wenn wir Schulbücher oder Texte lesen“ bemerkte Emma Müller aus Kastellaun. Im Workshop lernten sie und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler zunächst einige technische Grundregeln der Fotografie und des Bildaufbaus kennen. Ihr Werkzeug war das eigene Smartphone, das sie ohnehin stets zur Hand haben. Neu waren jedoch die Motive: Christof Pies und Carolin Manns vom Förderkreis hatten eine Reihe an Objekten aus der Sammlung der Synagoge mitgebracht. Darunter waren auch Gegenstände, die einst Jüdinnen und Juden gehört hatten, die im Hunsrück ganz selbstverständlich zuhause waren, bevor der Nationalsozialismus dieses Leben zerstörte. Die Schülerinnen und Schüler lernten somit individuelle Schicksale kennen, mit Christof Pies und Doris Wesner erkundeten sie die wenigen Spuren, die heute noch in Simmern und Kastellaun erhalten sind.
 

SchülerInnen bei einer Führung in der Stadt

Zwei Schülerinnen fotografieren ein Denkmal
Foto links: Doris Wesner zeigt Schülerinnen und Schülern ehemalige jüdische Häuser und den Standtort der Synagoge in Simmern. Foto rechts: Am Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Kastellaun; beide von Allon Zaslansky.

 

Geschichte unter der Lupe
Mit einer Makro-Linse brachte Zaslansky die Schülerinnen und Schüler ganz nah an ihre Geschichten heran. Kleinste Details und Gebrauchsspuren wurden sichtbar, verliehen den Schicksalen eine Tatsächlichkeit. „Es ist eine Sache, die Geschichte der jüdischen Menschen in Deutschland zu hören, aber eine ganz andere, physische Beweise dafür zu sehen und Dinge anzufassen, mit denen sie täglich gelebt haben. Zugleich sind die Gegenstände sehr vertraut und zeigen mir, wie gleich wir alle sind“ resümiert Aleyna Altum aus Simmern. 
 

Makroaufnahme eines jüdischen Kalenders

Makroaufnahme des Denkmals in Simmern

Fotos: Workshop-Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler; von Judith Wildburg, Rebecca, Merle Duderstädt. 

 

Entstanden sind sensible und ausdrucksstarke Werke, in denen die Schülerinnen und Schüler Gegenwart und Vergangenheit in Beziehung setzen. In ihren Bildern trägt sich Erinnerung fort. Auch den Betrachter bringen sie ganz nah an die Geschichte heran und fordern dazu auf, genau hinzuschauen. Die Ergebnisse des Workshops werden bald im Hunsrück-Museum Simmern und im Rathaus in Kastellaun zu sehen sein.