Das Erinnerungsensemble in Laufersweiler

 

Die in unserer Region weit über tausendjährige wechselvolle jüdisch-deutsche Geschichte findet trotz des geplanten vollständigen Völkermordes an den europäischen Juden im Dritten Reich eine Fortsetzung: Etwa 120.000 Juden leben mittlerweile wieder meist in deutschen Großstädten, das vielseitige jüdische Leben in Berlin ist zu einem  religiösen und kulturellen Anziehungspunkt geworden. In Rheinland-Pfalz wachsen die jüdischen Gemeinden in Koblenz, Saffig/Mittelrhein, Trier, Bad Kreuznach, Mainz, Rheinpfalz (Kaiserslautern, Ludwigshafen, Speyer), sie haben teilweise Aufsehen erregende Synagogen (Mainz, Speyer) errichtet, benutzen eine renovierte Landsynagoge in Saffig und sind durch den Zuzug von Juden aus Osteuropa bereichert worden.

Jahrhunderte lang war es eine Selbstverständlichkeit, dass Juden in christlicher Umgebung lebten, vielfach in fast allen Berufen beschäftigt. Man hinderte sie nicht an der Ausübung ihrer Religion, Juden waren nicht stets eine verfolgte Minderheit.

Der völlige Bruch in der deutsch-jüdischen Geschichte während des Dritten Reiches hat allerdings das frühere ländliche Judentum radikal beendet. Nur wenige Juden leben auf den Dörfern oder in Kleinstädten, der strukturelle wirtschaftliche Wandel der Nachkriegszeit hat zudem die Berufstätigkeit der heute in Deutschland lebenden Juden zusätzlich verändert.

Geblieben sind die wenigen Synagogen auf dem Lande: Von den 364 nachgewiesenen Bauten bzw. Betstuben in Rheinland-Pfalz sind nur 60 als Synagogen erkennbar bzw. erinnern durch ihre Formensprache an die ehemalige Nutzung. Alle anderen sind umgenutzt oder im Zuge der Reichspogromnacht zerstört, abgebrannt oder abgebrochen worden, letzteres vielerorts nach dem Zweiten Weltkrieg. Dies gilt auch für den heutigen Rhein-Hunsrück-Kreis: so ist die Synagoge in Laufersweiler die einzige, die noch als solche erkennbar ist und seit 1985 unter Denkmalschutz steht.

Die Synagoge bildet das Zentrum des nunmehrigen Erinnerungsensembles:
1. Das ursprüngliche äußere Erscheinungsbild im maurischen Stil ist bei den Renovierungen  weitgehend wieder hergestellt worden. Sie beherbergt im Erdgeschoss einen Gedenk- und Ausstellungsraum, der leider durch den Einzug einer Zwischendecke sein ursprüngliches Aussehen verloren hat. Im Innern deuten alleine die rundbogigen Fenster und die ehemalige Toranische auf das frühere Aussehen hin. Die permanente Ausstellung kann dafür mit Texten, Dokumenten und Sakralgegenständen wenigstens einen Einblick in das jüdische Leben des Dorfes geben.

2. Der durch den Einbau einer Decke entstandene Raum im Obergeschoss ist nun seit 2013 das Forst-Mayer Studien- und Begegnungszentrum für das Landjudentum. Es beherbergt eine Bibliothek, ein Filmarchiv und vor allem Dokumente zu vielen Orten des Rhein-Mosel-Hunsrück-Raumes. Eine Website und eine mit Hilfe von Jugendlichen entstehende Besucher-Präsentation bieten multimediale Zugänge zum Landjudentum. Anschauliche Originalobjekte aus verschiedenen Synagogen der Region vervollständigen das Zentrum. Aufnahmegeräte (Video/Audio) bieten den Jugendlichen die Möglichkeit, einen eigenen Beitrag zur Erinnerungskultur zu leisten, der in die Website oder Präsentation eingespeist werden kann.

3. Im östlichen Außenbereich hat die Büchenbeurener Künstlerin Jutta Christ mit Jugendlichen einen Erinnerungsort geschaffen: "Gelebtes Leben - geraubtes Leben". Er zeigt auf außergewöhnliche Weise die Unmenschlichkeit der Shoah - Stelen für den vierjährigen Sally Mayer neben dem 94-jährigen Zacharias Weiler zeugen von der Unfassbarkeit der Deportationen. Für jeden Ermordeten haben die Jugendlichen eine Stele angefertigt.

4. Die Synagoge ist Ausgangspunkt des Weges der Erinnerung, der auf der Trasse einer alten Straße hinter der Kirchgasse entlang auf 10 Tafeln mit Texten und Dokumenten jüdisches Leben darstellt. Der Pfad ist in die Traumschleife "Kappleifelsentour" integriert. Die Tafeln werden von Schülern mit  QR-Codes versehen, so dass der Besucher die Möglichkeit erhält, an Zusatzinformationen zu gelangen.

5. Am Ende des "Weges der Erinnerung" gelangt man zum jüdischen Friedhof, vor dem ein Fragment der Gesetzestafeln in den Boden eingelassen ist, das sich ursprünglich auf der westlichen Giebelseite befand, jedoch zerstört wurde. Der exakt angelegte neue Friedhof aus dem frühen 20. Jahrhundert ist anders als die "typischen" alten Grabstätten der Region, enthält er doch viele Grabsteine, die vom alten Teil des Friedhofes stammen und nach dem  Bau eines Wohnhauses 1962 auf dem neueren Teil aufgestellt wurden. Der Umgang ist symbolhaft für den Umgang mit dem deutsch-jüdischen Erbe nach dem Nationalsozialismus.
Hier geht es zum "Weg derErinnerung":  /opm248/sites/default/files/Flyer%2C%20Weg%20der%20Erinnerung%202013.pdf

6. Im Anschluss an den jüdischen Friedhof beginnt der Pfad der jüdischen Lyrik, den ebenfalls Kinder und Jugendliche zum 100-jährigen Bestehen der Synagoge im Jahre 2011 geschaffen haben. Die Teilnehmer des Wettbewerbs konnten sich ein Gedicht eines jüdischen Autors oder einer Autorin aussuchen und es künstlerisch umsetzen. Einige Teilnehmer schrieben selbst ein Gedicht. So bilden die 10 Tafeln einen Querschnitt zum literarischen Schaffen jüdischer Autoren.

Hier geht es zum "Pfad der jüdischen Lyrik": 
 /opm248/sites/default/files/Flyer%2C%20Lyrik-Pfad%2C%208%20Seiten.pdf

7. Ein Geo-Caching wird demnächst die Möglichkeit eröffnen, sich beim Rundgang durch Laufersweiler selbständig Informationen zu beschaffen und dabei Fragen/Rätsel zur jüdischen Geschichte zu lösen.

So bietet das Erinnerungsensemble vielfältige Möglichkeiten, sich des jüdischen Lebens auf dem Lande zu erinnern. Vor allem die Integration in bedeutende Wanderwege ist sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal für Laufersweiler und kann neue Besuchergruppen erschließen.