Emigration

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Emigration

Simon Grünewald confirmed his willingness to allow his son, 17 year old Leo Grünewald, to emigrate.

To emigrate or to remain? 

Around 1900, approximately 1,000 Jews lived in the today’s Rhine-Hunsrück region, but those numbers had dwindled to 673 by 1925. Many had already migrated to larger cities by the turn of the century. Still others dared the move out of the country. The search for a safe place of refuge grew as the repressions afflicted by the National Socialists took hold. Yet, many rural Jews chose to wait before first considering emigration because they were so closely integrated into the local social and economic life. It was inconceivable that a friend, a neighbour or a business partner could or would turn against them. The break came on the “Reichspogromnacht” [Night of broken glass], after which even those who believed themselves secure were forced to act.
 
In Kirchberg, for example, every Jewish citizen had abandoned their former homes by 1939. They moved in with relatives in the larger cities, looking for anonymity and the support of a Jewish community. Those who were able to obtain a visa left for a neighbouring country. Albeit, with the outbreak of the war, the NS persecutions caught up with them even in these supposed sanctuaries.
 
 

Torn apart

"My mother brought me by train out of our small village to Luxembourg. It wasn’t actually a long distance, but it seemed like it took forever. As I was put on the train for the last leg to Luxembourg, it felt like the turning of the wheels were tearing me away from my mother."   Heinz Joseph (1925-2002), Laufersweiler
 
Being forced to respond quickly, many families were ripped apart as they pursued plans to emigrate. Parents initially sent their children to safe locations, hoping to follow them as quickly as possible. Letters bear witness to the attempts made to maintain a sense of normality, but also to the desperate wait in the hope of even the slightest signs of life. Eyewitness accounts tell of how Simon Grünewald from Rheinböllen broke down in the middle of the street after sending the last of his three sons, Herbert, Ernst and Leo, away to South America.
 
 

... but where to?

Even though emigration presupposes one’s free will, it became ever more apparent to the Jews in Germany that no alternatives remained but to abandon their homeland. As the number of refugees began to increase, however, receptiveness in the destination countries began to dwindle. A prohibition on leaving the country issued on the 23rd of October 1941 put a stop to legal emigration.
 
Only in a few individual cases did anyone from the Hunsrück who survived the war return to live permanently in Germany. Most chose rather to move on in an effort to evade the still existing anti-Semitism and their former tormentors. They and their families began new lives in Israel, South America, the Dominican Republic, Argentina and Australia.
 
 
This slide presentation offers some insight into the fates of several of these people.
 

Seesack von Richard Hirsch

Dieser olivgrüne Transportsack der US-Army stammt aus dem Besitz von Richard Hirsch aus Kastellaun. Nach seiner Befreiung aus dem KZ Dachau am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er sehr krank und verbrachte daher einige Monate in einem von amerikanischen Soldaten errichteten Krankenlager in Feldafing. Bei seiner Entlassung tauschte er die amerikanischen Care-Pakete gegen einen guten Anzug, packte seine wenigen Habseligkeiten in den Seesack und entschied sich dazu zurückzukehren in seine Heimatstadt Kastellaun.
 
1915 war Richard Hirsch als jüngstes Kind einer jüdischen Familie in Kastellaun geboren worden.
 
Im März 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert. Als Mitte Januar 1945 die russische Armee näher rückte, begann die SS das Lager zu räumen. Richard Hirsch wurde nach Dachau gebracht bis im April auch hier die Todesmärsche begannen. Nachdem er tagelang in einem Waggon ohne Ziel hin- und herfuhr, erlebte er am 30. April 1945 die Befreiung.
 
Richard Hirsch versuchte ein neues Leben in seiner alten Heimatstadt zu beginnen, nahm seinen Beruf als Kaufmann wieder auf, heiratete, doch die Erinnerungen wogen zu schwer. Im August 1949 verließ er gemeinsam mit seiner Frau die Stadt und wanderte in die USA aus.
 
Der Seesack befindet sich in der Sammlung der ehemaligen Synagoge Laufersweiler.
 

Ausreise in die USA

Die Aufnahme zeigt die Brüder Harry (rechts) und Rudolf (links) auf dem rettenden Schiff, mit dem die Familie Heymann 1936 in die USA flüchtete. Aufgewachsen waren sie in Kirchberg, wo die Eltern ein Kaufhaus für Textilien betrieben bis die Mutter angesichts zunehmender Diskriminierung und Entrechtung auf eine Ausreise drängte.
 
Die USA nahmen die meisten deutsch-jüdischen Flüchtlinge auf, doch auch dort hielt die Regierung an einer festen Quote bei der Vergabe von Visa fest. Ab 1938 überstieg die Zahl der aus Deutschland gestellten Anträge bei weitem die ausgestellten Einreisegenehmigungen.

Rückkehr nach Deutschland

Im Alter von neun Jahren gelang Harry Heymann gemeinsam mit seiner Familie die Flucht in die USA. Bis 1936 hatten seine Eltern in der Heimatstadt Kirchberg ein Textilgeschäft betrieben. In den USA gründeten sie eine Hühnerfarm, erhielten die amerikanische Staatsbürgerschaft, Harry machte seinen HighSchool-Abschluss und wurde in die US-Army einberufen. Als junger amerikanischer Soldat wurde er unmittelbar nach Kriegsende nach Deutschland entsendet und als „Prisoner of War Interrogator “ eingesetzt, um Kriegsgefangene zu befragen.
 
Nach Ende seines Militärdienstes besuchte Harry Raymon eine Schauspielschule in New York und beschloss darauf - zur großen Bestürzung seiner Familie - nach Deutschland zurückzukehren. Er wurde ein gefragter Schauspieler und gründete in Stuttgart das Pantomimentheater „Die Gaukler“. Als Co-Regisseur drehte er 1982 in Kirchberg den autobiografischen Film „Regentropfen“ und erzählte in der Figur Bennie Goldbachs von seiner Kindheit in der Kleinstadt bis zur Emigration.

Möbelverkauf im Kirchberger Anzeiger

Annoncen im Kirchberger Anzeiger zeichnen das Ringen um Existenz nach: In Folge der Boykotte, ständiger Diskriminierung und wirtschaftlicher Not, sahen sich viele Juden zur Flucht gezwungen. Ihre Habseligkeiten verkauften sie weit unter Wert in der Hoffnung, die geringen Einnahmen würden ihnen den Umzug in die Großstadt oder - sofern sie die Erlaubnis erhielten - die Emigration ins Ausland ermöglichen.
 

Gertrude Franks Ausreise nach Shanghai

Die Aufnahme zeigt wohl das Hochzeitsbild von Gertrude Frank aus Laufersweiler und Philipp Kohn aus Trabelsdorf (Oberfranken). Die Ehe wurde am 22. April 1940 in Kirchberg und damit kurz vor der gemeinsamen Auswanderung nach Shanghai geschlossen.
 
Erhaltene Familienbriefe legen nahe, dass es sich um eine arrangierte Ehe handelte, die beiden die Ausreise nach Shanghai ermöglichen sollte. Gertrude Franks Onkel Bernhard Mayer, der durch Pelzhandel in der Schweiz zu Ansehen und Reichtum gelangt war, stellte ihnen das Kapital für die Emigration zur Verfügung. Die Ehe war nur von kurzer Dauer und wurde nach wenigen Jahren wieder geschieden. Gertrude Frank wanderte nach Ende des Zweiten Weltkrieges in die USA aus und lebte bis zu ihrem Tod 1965 in San Francisco.
 
Zum Zeitpunkt ihrer Ausreise war Shanghai eine der letzten Zufluchtsstätten für jüdische Emigranten, nachdem viele andere Länder Einreisebestimmungen verschärft und eine legale Einwanderung annähernd unmöglich gemacht hatten. Für Shanghai hingegen war weder ein Visum noch ein Vermögensnachweis erforderlich.

Simon Grünewalds Reisepass

Am 29. Dezember 1936 gewährte das Konsulat in Mainz dem Juden Simon Grünewald aus Rheinböllen ein Visum für einen zweiwöchigen Aufenthalt in Frankreich. Der Eintrag im Reisepass ist versehen mit dem Vermerk „accompagne son fils“ - er begleitete seinen Sohn.
 
Im Januar 1937 reiste Simon Grünewald mit dem Sohn Ernst nach Frankreich, dem von dort die Flucht nach Südafrika gelang, wo sich bereits der ältere Bruder Herbert aufhielt. Auch der Jüngste, Leo, konnte Deutschland gerade rechtzeitig verlassen. Simon und seine Frau Ida blieben am Boden zerstört zurück und wurden im Juni 1942 von Frankfurt aus nach Majdanek deportiert.
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From Rheinböllen to Montevideo - a story of escape

In December 1939, Leo Grünewald from Rheinböllen was 17 years old when he fled Nazi Germany together with his cousin, Inge Grünewald. They departed from Genoa, crossing the Atlantic to Montevideo in Uruguay on-board the steamer Conte Grande.
 
Personal documents once belonging to Leo Grünewald surfaced at the end of 2018 and were offered for sale over the Internet. Among these were birth certificates, job references, tickets for his emigration to Uruguay, a marriage certificate, diverse photographs, etc. His family purchased these documents and conveyed them to the Forst-Mayer Centre in Laufersweiler in 2019, thus allowing important stations of his emigration-influenced biography to be retraced.
 

Inge Ariel Grünewald recollects their flight (in German language)

Inge Grünwald was only 9 years old when she fled Germany together with her cousin in December 1939. Her half-brother Edgar and an aunt from Bad Kreuznach had already emigrated to Uruguay in 1936 - that was their goal. In this 2019 interview, Inge Grünewald personally recalls memories of her father, the farewell to her hometown of Frankfurt and the difficult journey she undertook to Uruguay .

Leo Grünewalds Geburtsurkunde

Leo Grünewald wurde am 28. September 1922 in Rheinböllen geboren. Seine Eltern sind Simon Grünewald und Ida Grünewald, geborene Lazarus. Gemeinsam mit zwei älteren Brüdern, Ernst und Herbert, wuchs er in Rheinböllen auf.
 
Bei dem Dokument handelt es sich um eine beglaubigte Kopie seiner Geburtsurkunde, die er dem uruguayischen Konsulat vorlegte, um seine Ausreisepapiere zu beantragen.

Leo Grünewalds Schulzeugnis aus Rheinböllen

Leo Grünewald besuchte die Evangelische Volksschule in Rheinböllen. Noch im Jahr 1937 konnte er diese erfolgreich abschließen.

Eine höhere Bildung blieb vielen jüdischen Schülern zu diesem Zeitpunkt bereits verwehrt. Auch die Chance eine Ausbildungsstelle auf dem Land zu finden, war sehr gering. Im Alter von 16 Jahren verzog Leo Grünewald nach Köln und begann dort eine Lehre als Schreiner.

Umzugsverzeichnis

Die beiden älteren Brüder Ernst und Herbert waren bereits nach Kapstadt in Südafrika emigriert. Und auch Leo bemühte sich um die Auswanderungspapiere. Teil seines Antrages, den er im Oktober bei dem uruguayischen Konsulat einreichte, war ein zweiseitiges Umzugsverzeichnis, das sehr präzise all die Gegenstände auflistete, die Leo mitzunehmen beabsichtigte. Wertgegenstände waren darunter keine.
 
Gemeinsam mit seiner 9-jährigen Cousine Inge aus Frankfurt reiste er im Dezember 1939 von Hamburg nach Genua. Am 28. Dezember verließen sie Italien auf dem Dampfer "Conte Grande" über Barcelona in Richtung Uruguay.

Arbeitszeugnis aus Uruguay

Alleine überlebte Leo Grünewald den Zweiten Weltkrieg in Montevideo. Die beiden Brüder Ernst und Herbert lebten im fernen Kapstadt in Südafrika. Seine Eltern Simon und Ida Grünewald wurden 1942 nach Sobibor deportiert und überlebten den Holocaust nicht.
 
Etwa zehn Jahre blieb Leo in Uruguay, wurde erwachsen, machte eine weitere Ausbildung, erprobte sich in verschiedenen Berufen. 1950 entschied er sich jedoch dazu, Südamerika zu verlassen. Sein letzter Arbeitgeber, ein Innenausstatter, stellte ihm ein hervorragendes Arbeitszeugnis aus. Er bezeichnete ihn als „ganz netter Kerl, den man gerne rum hat“ und wünschte ihm, „in der neuen Heimat das zu finden, was er sehnsüchtig erwartet“.

Ausreisebillet

Als der Krieg endete, begann Leo sein Leben in Uruguay in Frage zu stellen. Wie und wo wollte er in Zukunft leben? Ein weiteres Mal entschloss er sich dazu, sein Los zu verändern und wanderte aus.

Um August 1950 reiste er mit der "Genova" von Montevideo nach Genua, sein Reiseziel war Israel.

Dort traf er wieder zusammen mit seiner Cousine Inge, die bereits einige Wochen zuvor in den neu gegründeten Staat emigriert war.

Heiratsurkunde

Am 26. Mai 1959 heiratete Leo Grünewald die ebenfalls aus Deutschland stammende Rosa Weibel. Die Ehe wurde in Tel Aviv geschlossen.

Hochzeitsfotos

Abzüge der Hochzeitsfotos zeigen Leo und Rosa Grünewald umgeben von zahlreichen Gästen.
 
In Israel traf Leo seinen zunächst nach Südafrika geflohenen Bruder Ernst wieder, der sich ebenfalls für einen Neuanfang in Israel entschied.
 
Der Bruder Herbert verblieb zunächst in Südafrika und wanderte später nach Australien aus.

Wiedergutmachung

Bereits von Uruguay aus begann Leo Grünewald seine Bemühungen um „Wiedergutmachung“. In einem etwa 20 Jahre andauernden Verfahren wurden Entschädigungszahlungen für das verlorene Grundstück und den Besitz der Familie Grünewald verhandelt. In dem mühsamen Prozess wurde Leo dazu aufgefordert, genaue Details zu Umfang, Erwerb, Verkauf und Abgabe des Besitzes zu erinnern.
 
 
 
Leo Grünewald verstarb im September 2009 in Israel.
 
Inge Ariel Grünewald verstarb 2019 88-jährig im Kibbutz Sa'ad in Israel.
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