Haus der Ewigkeit: Jüdische Friedhöfe

Zurück zur Übersicht
Haus der Ewigkeit: Jüdische Friedhöfe

Der jüdische Friedhof in Sohren liegt weit abgelegen vom Ortskern auf einem kleinen Grundstück am Waldrand. Foto: Daniela Tobias

Überall wo sich Juden niederließen, waren sie bestrebt, neben einem Betraum oder einer Synagoge mit kleiner Mikwe (rituelles Tauchbad) ein Grundstück zu erwerben, auf dem sie ihre Toten beerdigen konnten. Nach jüdischer Glaubenslehre müssen Tote unantastbar bleiben, weshalb die Friedhöfe und Gräber nicht aufgehoben werden, sondern auch über Jahrhunderte hinweg immer weiter wuchsen und wachsen. Es handelt sich daher um die ältesten Zeugnisse jüdisch-deutscher Kultur, die sogar den Nationalsozialismus vielerorts überstanden haben. Heute sind sie für die genealogische Forschung von unschätzbarem Wert.
 
 

Trennung von Leben und Tod

Seit dem 11. Jahrhundert bestehen Friedhöfe auch entlang des Mittelrheins. Im Rhein-Hunsrück-Kreis sind es die einstigen Reichsstädte Boppard und Oberwesel, welche die ältesten Spuren jüdischer Besiedlung und damit auch Begräbnisplätze aufweisen. Die heutigen bekannten Landfriedhöfe befinden sich nach religiösem Brauch außerhalb der Ortschaften, denn die Nähe oder der Kontakt zu Toten gilt als unrein. Die Lage spiegelt an vielen Orten jedoch auch die Tendenz wider, den jeweiligen jüdischen Gemeinden unfruchtbares oder nur schwer zugängliches Land zur Verfügung zu stellen. Die seit französischer Zeit (1794-1815) in manchen Städten übliche Praxis, Gräber von Juden auf den kommunalen Friedhöfen durch eine Abgrenzung zu separieren, findet sich im Hunsrückraum nicht. Mündliche Überlieferungen wie z.B. Redensarten und Flurbezeichnungen weisen hingegen darauf hin, dass vereinzelte Dorffamilien wohl auch im Wald ihre Toten begruben.
 
 
Die folgende Slideshow zeigt eine Auswahl an Grabstätten der zehn noch sicht- und besuchbaren jüdischen Friedhöfe aus dem Rhein-Hunsrück-Kreis. Sie geben exemplarisch weitere Einblicke in die jüdische Begräbniskultur, Grabmalsymbolik und damit verbundene Traditionen und Bräuche.
 

Nachruf auf die Verstorbenen (Jüdischer Friedhof Gemünden)

Sind die Inschriften älterer Grabsteine ausschließlich in Hebräisch verfasst, setzt sich ab dem 19. Jahrhundert zunehmend eine zweisprachige Gestaltung durch. Bald darauf, wie bei diesem Beispiel in Gemünden, entstehen auch Grabmale, für die allein deutschsprachige Inschriften gewählt werden. Sie sind Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses und der bewussten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben der Umwelt.

 

Wie die alten hebräischen Grabinschriften besteht auch diese aus festen Elementen wie einer Einleitung, Namen und Daten sowie einer Schlussformel. Ein kurzer Text erzählt aus dem Leben des/der Verstorbenen. Dieser fungiert als eine Art Nachruf, der Auskunft gibt über Lebensweise, Herkunft, Beruf, religiöse Stellung oder ein Gemeindeamt. Darüber hinaus werden über diese Beschreibungen Vorbilder generiert und Werte vermittelt. Die Verstorbenen repräsentieren einen gottgefälligen Lebenswandel, Wohltätigkeit oder die Erfüllung der Gebote.
Die Grabsteine und ihre Inschriften wurden in der Regel von christlichen Steinmetzen gestaltet und enthalten so naturgemäß Fehler, wie auch auf diesem Grab des Jakob Wagner zu erkennen ist.
 
Foto: Daniela Tobias
 

 

Gleichheit im Tod (Jüdischer Friedhof Oberwesel)

Der jüdische Friedhof in Oberwesel wurde bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts angelegt. Hier zu finden sind daher einige der frühesten Grabmale der Rhein-Hunsrück-Region.
Charakteristisch sind aus Stein gefertigte Stelen im Hochformat, die rechteckig oder abgerundet abschließen. Sie zeichnen sich durch ihre schlichte Gestaltung aus, auf verzierende Elemente wurde verzichtet, sodass die Inschriften meist die einzige Dekoration bildeten. Bis ins 19. Jahrhundert wurden diese ausschließlich in Hebräisch verfasst.
 
Der Eindruck der Gleichförmigkeit älterer Grabsteine spiegelt die Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen im Tode wieder. Der rundbogige Abschluss vieler Grabsteine verweist auf die biblischen Gesetzestafeln der zehn Gebote, die sowohl als einfache oder doppelte Form wiederzufinden sind.
 
Erst später wurden die Grabsteine mit einem Sockel versehen, ältere Grabmale versinken daher allmählich in der Erde. Der älteste erkennbare Grabstein des Rhein-Hunsrück-Kreises aus dem Jahre 1665 befindet sich auf dem großen Friedhof in Boppard.
 
Foto: Daniela Tobias

Spurensuche (Jüdischer Friedhof Zeltingen)

2011 reiste David Hammerschlag von seiner australischen Heimatstadt Sydney in den Hunsrück, um gemeinsam mit seiner Ehefrau und den beiden Töchtern den Spuren seiner Familie nachzuspüren. Besonders wichtig dabei war der Besuch des jüdischen Friedhofes in Zeltingen, auf dem er das Grab seiner Großmutter Rosa Schömann aufsuchte. Seine Großeltern hatten in Zeltingen gelebt und 1923 in Kastellaun die Lederwarenhandlung Schömann&Hammerschlag gegründet, bevor sie 1935 nach Südafrika emigrierten. Die in das Sandsteingrab eingesetzte Schwarzglastafel mit der Inschrift fand er jedoch zerbrochen vor, die verbliebenen Fragmente versuchte er zusammenzusetzen. 
 
Nur wenige Zeugnisse jüdischer Kultur haben die Zeit des Nationalsozialismus überlebt. Obwohl oft beschädigt und verwahrlost, sind die Friedhöfe zumeist doch nicht völlig zerstört. Sie bilden die größte Gruppe jüdischer Kulturdenkmale in Deutschland, die die Zerstörung überdauert haben und heute noch die über 1700 Jahr andauernde jüdische Geschichte dokumentieren.
 
Insbesondere für Besucher aus aller Welt sind die Friedhöfe ein wichtiger Ausgangspunkt ihrer Spurensuche, die Gräber geben Auskunft über ihre Herkunft und sind somit oft wichtiges Element der Identitätsbildung.

Zeichen der Anteilnahme (Jüdischer Friedhof Kastellaun)

Das Bild jüdischer Friedhöfe ist auch in der Rhein-Hunsrück-Region geprägt von kleinen, auf den Grabmalen abgelegten Steinen. So ist es üblich beim Friedhofsbesuch einen Stein als Erinnerung zu hinterlassen. Dabei handelt es sich nicht um eine religiöse Vorschrift, sondern einen Brauch, der zurückgeht auf uralte Begräbnisrituale. Zu biblischen Zeiten wurden die Toten unter kleinen Steinhaufen bestattet, Angehörige brachten die Steine mit und häuften sie auf dem Grab auf. So wurde der Leichnam vor äußeren Einflüssen geschützt, und die Stelle zugleich für spätere Besuche markiert. Daraus entwickelte sich eine Tradition, die bis heute Bestand hat.
 
Nicht nur Angehörige, sondern jeder Besucher kann einen solchen Stein ablegen, denn er ist ein diskretes Zeichen der Ehrerbietung und des Gedenkens. Er hinterlässt die Botschaft „Ich war hier“ und ist ein symbolischer Ausdruck der Anteilnahme am Verlust und kann den Angehörigen Trost spenden.
 
Das Pflanzen von Blumen hingegen oder das Anzünden eines Grablichtes ist nicht üblich, da dieses die Ruhe der Toten stören könnte. Darüber hinaus sind die Grabmale nach jüdischer Auffassung für die Ewigkeit bestimmt und angelegt, und sollten als solche bis zum Tag des „Jüngsten Gerichts“ bestehen bleiben.
 
Foto: Daniela Tobias

Segnende Hände (Jüdischer Friedhof Boppard)

Jüdische Grabmale kennzeichnen oft wiederkehrende Symbole, welche auf die Biografie des Verstorbenen oder seine Aufgaben innerhalb der jüdischen Gemeinde verweisen. Die segnenden Hände zählen zu den häufigsten Symbolen. Die Darstellung verweist auf die Handhaltung beim Sprechen des Priestersegens, der auch heute noch während der Schabbat- und Festtagsgottesdienste durch Priester (hebr. Kohanim) erteilt wird. Das Symbol auf dem Grabstein drückt die Zugehörigkeit des Verstorbenen zu den Kohanim aus, die als direkte Nachkommen Aarons gelten, des Bruders von Mose. Da die Abstammung über die männlichen Familienangehörigen übertragen wird, findet sich das Symbol kaum auf weiblichen Grabmalen.
 
Ab dem 19. Jahrhundert finden in Deutschland zunehmend zweisprachig gestaltete Grabmale Verbreitung, dabei bestehen die hebräischen Inschriften in der Regel aus festen Elementen. Dazu gehören immer wiederkehrende Einleitungs- und Schlussformeln, die auch hier besonders deutlich hervortreten:
 
פיינ - „Hier ist begraben“
חנצבייה - „Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens“
 
Foto: Daniela Tobias

 

Vergessene Denkmale (Jüdischer Friedhof Holzfeld)

Nach religiösem Brauch befanden sich jüdische Friedhöfe meist außerhalb der Stadt, dabei werden Überlegungen zur Hygiene und Wahrung der Totenruhe eine wichtige Rolle gespielt haben.
An einem steilen Hang gelegen und nur schwer zugänglich, zeugt dieser früher für die Toten der jüdischen Gemeinde Hirzenach genutzte Friedhof in Holzfeld aber auch davon, wie schwer es für Juden oft war überhaupt einen Begräbnisplatz zu erwerben. In Folge dessen befinden sie sich häufig auf unwegsamem Gelände, dass ohnehin nicht landwirtschaftlich genutzt werden konnte.
Versteckt im Wald sind sie besonders durch Vergessen und Verwahrlosung gefährdet. Durch umstürzende Bäume, wuchernde Pflanzen, Wildschäden und andere Umwelteinflüsse droht diesen verborgenen Erinnerungsorten der schleichende Zerfall.
 
Foto: Daniela Tobias

Ein besonderes Ehrenamt (Jüdischer Friedhof in Boppard)

Jüdische Grabmale kennzeichnen oft wiederkehrende Symbole, welche auf die Biografie des Verstorbenen oder seine Aufgaben innerhalb der jüdischen Gemeinde verweisen. Ab dem 19. Jahrhundert werden diese immer häufiger und differenzierter. Auf den Friedhöfen in der Rhein-Hunsrück-Region sind sie jedoch weitaus seltener zu finden als in den größeren, städtisch geprägten Gemeinden.
 
Dieses Symbol ist einmalig unter den jüdischen Friedhöfen der Rhein-Hunsrück-Region. Dargestellt ist ein doppelschneidiges Messer gemeinsam mit einem Weinbecher, wobei es sich um die Instrumente eines Mohels, eines Beschneiders handelt. Um eine Beschneidung durchführen zu dürfen, sind sowohl eine medizinische Ausbildung als auch sehr gute Kenntnisse der Thora erforderlich. Von einem Mohel wird ein tugendhafter Lebenswandel nach den religiösen Gesetzen erwartet und so ist die Beschneidungstätigkeit ein Ehrenamt, das mit besonderer Anerkennung verbunden ist.
 
Foto: Daniela Tobias

Zerstörung und Zerfall (Jüdischer Friedhof Simmern)

Als Material für die Grabsteine wurden häufig regional aufkommende Gesteinsarten verwendet, doch insbesondere Grabmale aus dem häufig gewählten Sandstein unterliegen zunehmender Verwitterung. Saurer Regen und verschmutzte Luft greifen die für die Ewigkeit bestimmten Male stark an. Die sensiblen Oberflächen korrodieren und zerbröseln allmählich, Inschriften sind ausgewaschen oder durch Moose und Flechten so stark angegriffen, dass sie kaum mehr lesbar sind.
 
Neben dem natürlichen Zerfall kommt es immer wieder auch zu gewaltsamen Zerstörungen. Der jüdische Friedhof in Simmern wurde bereits lange vor dem verordneten Terror der NS-Zeit Zielpunkt mehrerer Schändungen (1862, 1871, 1907) und auch 1990 kam es zu einer mutwilligen Beschädigung des Friedhofs, bei der 32 Grabsteine umgestürzt wurden.
 
Foto: Daniela Tobias

Denkmalpflege (Jüdischer Friedhof Sohren)

Die jüdischen Friedhöfe in der Rhein-Hunsrück-Region gelten heute als "verwaist": Neue Belegungen fanden nach 1945 nur vereinzelt statt und Angehörige, die Gräber pflegen könnten, gibt es kaum. Sie alle stehen nach einer Initiative von Schülern der IGS Kastellaun seit 1992 unter Denkmalschutz.
Wo keine jüdische Kultusgemeinde mehr existiert, liegt die Pflege der Friedhöfe in der Hand der zivilen Ortsgemeinden. Da diese nach Regelungen der jüdischen Religion erfolgen sollte, kommt es hier jedoch immer wieder zu großen Unsicherheiten. Während einige Friedhöfe vorbildlich gepflegt werden, sind andere vernachlässigt, verwildert und kaum mehr sichtbar. Zwar gilt es unbedingt die Wahrung der Totenruhe zu beachten, doch um die Kulturdenkmale zu erhalten, ist es wichtig umgefallene Bäume zu entfernen, Kletterpflanzen und Moose vorsichtig zu beseitigen, und umgefallene Grabsteine wieder aufzurichten oder zu restaurieren.
 
Im Rahmen der historisch-politischen Bildung übernehmen hin und wieder Gruppen für einen Tag die Pflege eines jüdischen Friedhofs, um sich auf diese Weise der deutsch-jüdischen Geschichte zu nähern. 2019 säuberten deutsche und israelische Jugendliche gemeinsam den Friedhof in Sohren. In einigen Gemeinden haben gar Schulklassen eine Pflegepartnerschaft arrangiert.
🡄
🡆

 

Bis zum Jüngsten Tag?

Friedhöfe werden nach jüdischem Recht für die Ewigkeit angelegt. Auch wenn Grabsteine abgeräumt oder Gelände bebaut wird, handelt es sich weiterhin um einen Friedhof. Der Tote/die Tote soll an diesem Platz mit Leib und Seele in Ewigkeit ruhen, bis der Messias kommt und ihn/sie erlöst. Darauf weist auch die hebräische Bezeichnung Beth Olam, also "Haus der Ewigkeit" hin.
Leider ist das Bewusstsein für die Unterschiede zwischen jüdischer und christlicher Bestattungskultur an vielen Orten nicht vorhanden: Jüdische Friedhöfe sind überbaut oder gar Grabsteine komplett abgeräumt worden. In vielen Fällen haben Steinmetze und Bildhauer mit behördlicher Genehmigung Grabsteine für andere Zwecke umgearbeitet oder sie sind in Mauern verbaut. Vandalismus und antisemitische Schmierereien kommen bis heute immer wieder vor und haben den Grabstätten massiv zugesetzt. Hinzu kommen bewusste Vernachlässigung, Gedankenlosigkeit, natürliche Verwitterung, Wildschäden, Stürme oder saurer Regen.
 
Die 401 jüdischen Friedhöfe sind in den meisten Landgemeinden die einzigen noch erhaltenen Zeugnisse der deutsch-jüdischen Kultur in Rheinland-Pfalz. Sie sind religiöse Kultstätten, Erinnerungsorte für Verwandte und Bekannte, aber auch unter staatlichem Schutz stehende Denkmale.
 
Man spricht bei fast allen ländlichen Friedhöfen von „verwaisten“ Grabstätten, da es keine Angehörigen mehr gibt, die sie pflegen und auch keine jüdischen Gemeinden mehr, die sie nutzen könnten. Die Pflege übernimmt die jeweilige nächstgelegene jüdische Gemeinde oder in deren Auftrag die Zivilgemeinde oder Privatpersonen.